Der Postbote

 

Unterstreiche die Wörter, die groß geschrieben werden.

Heute vormittag lernte ich einen kleinen mann kennen. Als ich ihn fragte, was er mache, verstand er erst die frage nicht und antwortete: „Leben" und lachte schüchtern. „Nein, was er so arbeite, fragte ich weiter und er wurde ernst. „Ich bin der postbeamte dieses gottverlassenen ortes," sagte er. „Im sommer, bei beerdigungen und hochzeiten kommen die leute aus aller welt, aber im winter sind im dorf nur ein paar tabakbauern, viele frauen, kleine kinder und greise. Etwa vierhundert männer und frauen von hier leben zwischen finnland und südafrika verstreut. Aber die hälfte davon arbeitet in den golfstaaten. Und die emigranten ernähren die leute, die hier geblieben sind. Ich bin der briefträger, der bote der freude und des unglücks."

„Des unglücks?", fragte ich erstaunt. „Schau dir mein gesicht an. Siehst du die narbe hier auf der stirn? Die habe ich bekommen, als ich einer jungen frau die nachricht brachte, dass ihr mann auf einer baustelle in kuwait verunglückt sei. Die frau drehte durch und wollte mich umbringen. Ich versuchte mit aller kraft, sie davon abzuhalten, dabei rutschte ich aus und verletzte mich schwer. Die briefe segelten vor dem haus auf die straße. Die frau bekam auf einmal angst um mein leben und schrie um hilfe, dabei vergaß sie zum glück, was sie eigentlich vorgehabt hatte.

Auch sonst quittieren die leute schlechte nachrichten oft mit beschimpfungen, ab und zu auch mit fußtritten, weil sie mich für das ausbleiben von briefen verantwortlich machten. Manche haben mich sogar schon beschuldigt, ich hätte mir die briefe mit dem geld unter den nagel gerissen. Einmal bedrohte mich einer mit dem messer, weil er gerade träumte, dass ich ihm geld von seinem bruder in amerika brächte, als ich klingelte, um ihm seine stromrechnung zu übergeben. Er war noch ganz verschlafen und verlangte den anderen brief."

„Welchen andern?", fragte ich ihn. „Den mit dem geld", sagte er mit fester stimme. Erst verstand ich den ernst der lage nicht. Als ich ihm sagte, es gäbe keinen brief, bat er mich, einen augenblick zu warten, und rannte in die küche. Ich dachte, er wolle mir limonade bringen, aber da kam er auch schon mit einem furchtbaren messer zurück. Ich stand wie gelähmt.

Er zog mich ins haus, schloss die tür und sagte mit vom wahn geweiteten augen: „Her mit dem geld, wenn dir dein leben lieb ist." Und er schrie wie ein verrückter, er habe gehört, welche hochhäuser ich inzwischen in damaskus und aleppo besäße. Ich hätte sie von den geldern gekauft, die die auswanderer ihren angehörigen schickten.

Mein gott, da half weder flehen noch mahnen. Ich musste um mein leben kämpfen und irgendwann konnte ich ihm das messer aus der hand schlagen, aber leider erst, nachdem er mich unter dem rechten ohr verletzt hatte. Der mann saß danach da und weinte verzweifelt, weil er hoch verschuldet war und keinen ausweg mehr sah.

Drei tage später bekam er einen scheck mit der post und konnte seine schulden zurückzahlen. Und er schenkte mir einen korb mit hähnchen, käse, pistazien und wein.

Verrückt, nicht wahr?"

 

Aus: „Die Sehnsucht der Schwalbe" von Rafik Schami

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