Laufdiktat

Ein Beitrag von Hannelore Reismann

Beschreibung:

Ein Laufdiktat muss man sich im wahrsten Sinne des Wortes erlaufen. Bei einer Klassenstärke von 30 Schülern habe ich das Diktat mehrfach auf Zettel kopiert. Jede Bank erhält einen solchen, wobei er an einer Stelle im Klassenraum liegt, die möglichst weit von der Bank entfernt ist. Schreiben tun die Schüler natürlich an ihrem Platz. Sie müssen nun zu ihrem Zettel gehen, um sich ein Wort, einen Satzteil oder gar einen Satz (je nach Klassenstufe und Vermögen) zu merken. Daraufhin tragen sie es innerlich an ihren Platz und schreiben es in ihr Diktatheft. Haben sie etwas vergessen, müssen sie zurückgehen. So erläuft sich der Schüler das ganze Diktat Schritt um Schritt.

 

Reizvolle Variation:

Nicht jeder Tisch bekommt den gleichen Zettel, sondern immer nur einen Teil einer fortlaufenden Geschichte. Dies ermöglicht es dem Lehrer, die Länge und den Schwierigkeitsgrad des Textes dem Schüler anzupassen. (Siehe weiter unten zur Einführung: die Geschichtenfee)

 

Gefahren:

Man wird gleich bemerken, dass diese Aufgabe dazu neigt, ein riesiges Durcheinander zu verursachen. Daher müssen zumindest zwei Regeln eingehalten werden:

• Man darf den Text nicht laut vor sich her sprechen.
• Es darf nicht gelaufen oder gerannt werden. Vorfahrt hat, wer auf dem Rückweg ist.

Beide Regeln können mit Leben erfüllt werden, in dem man sie zum Beispiel in das Bild der folgenden Geschichte kleidet. Dies macht das Unterfangen auch gleich viel reizvoller:

 

Die Geschichtenfee

Vor langer Zeit lebte in einem fernen Land einmal ein König. Er war alt und weise. Dieser gute Herrscher wurde jedoch schon seit vielen Jahren des Nachts von schlechten Träumen geplagt und dagegen half nur ein einziges Mittel: Am Abend, nachdem der König sich schon zur Ruhe begeben hatte, mussten ihm seine Diener immer eine neue Geschichte vorlesen. Dadurch wurden die schlimmen Träume verjagt und schöne Bilder durchzogen stattdessen seine Seele. Vielleicht wird man nun denken, dass es wohl nicht so schwierig sein wird, dem König jeden Abend eine Geschichte vorzutragen. Doch da täuscht man sich, denn die Gute-Nacht-Geschichten des Königs mussten von der Geschichtenfee stammen. Verborgen in einem großen Wald lebte diese wundersame Frau, die von Jahr zu Jahr nicht älter wurde und immer jung blieb. Ihre Geschichten verzauberten alle Menschen, die sie zu Gehör bekamen.

Nun verhielt es sich aber so, dass die Geschichtenfee die Geschichten niemals selber erzählte, sondern man musste sie einsammeln und gleichsam zusammenfügen. Sie zauberte ihre Geschichten nämlich immer nur in schönen Buchstaben an die Hauswände der Stadt. Diese Angewohnheit hatte sie, seit man sich erinnern konnte. Das Dumme war nun aber, dass die Menschen in diesem Königreich überhaupt nicht lesen konnten. Auch fand man niemals an einer einzigen Hauswand die ganze Geschichte, sondern immer nur den Anfang, das Ende oder ein Stück von der Mitte.

So hatte der König die Begabtesten seines Reiches ausgewählt, um sie in einem fernen Land das Lesen und Schreiben studieren zu lassen. Für eine Geschichtenfeegeschichte mussten sich die Diener am Morgen sehr früh in die Stadt begeben, um das Haus zu suchen, das ihren Teil der Geschichte enthielt. Aber damit war es immer noch nicht genug. Die Geschichtenfee verlangt, dass man ihre Geschichten auswendig lerne. Da die Geschichten aber viel zu lang waren, hatte man sich folgenden Trick angewöhnt. Man las so viel, wie man fehlerfrei behalten konnte, ging nach Hause und schrieb es dort heimlich auf. Nun ging man erneut zur Hauswand, um sich den nächsten Teil zu merken. Manche Diener konnten nur ein Wort behalten. Die mussten halt ein paar Mal mehr gehen. Mit der Zeit entwickelten sie aber eine große Kunstfertigkeit darin.

Es kam aber leider auch häufig vor, dass die Fee in der Stadt weilte. Dann durften sich die Diener natürlich mit dem Gehen nicht hetzen, sondern mussten sehr gemütlich pfeifend daherspazieren, einander grüßen und so tun, als würden sie rein zufällig an dieser Hauswand vorbeikommen. Bekam die Fee heraus, dass man immer nur hin und herlief, um die Geschichte doch abzuschreiben, wurde sie fuchsteufelswild. Und da dir niemand sagen kann, wie es ist, wenn eine Geschichtenfee fuchsteufelswild wird, so wirst du daraus entnehmen können, dass es noch niemand überlebt hat.

Bei den oft weiten Wegen hatten die Diener den ganzen Tag ordentlich zu tun. Kam dann der Abend, so mussten sie sich in der Vorhalle des Königspalastes in einen Kreis hocken und die Reihenfolge der Teile herausfinden. Der Beginn der Geschichte hatte eine Überschrift und war daher leicht herauszufinden. Dann aber musste jeder überlegen, ob sein Teil daran anschließt. Manchmal hörte ein Teil mitten im Satz auf oder aber er fing schon klein an. So ordnete man gemeinsam die Teile, indem man die Plätze der Reihe nach wechselte. (Da immer zwei Kinder einen Text abgeschrieben haben, markiert ein fetter Punkt oder ein großer Absatz, wo das Vorlesen wechselt.)

Nun konnten die Diener vor den König treten und jeder durfte ihm seinen Teil vorlesen. Wenn sie dann am Ende den König leise schnarchen hörten, gingen sie froh nach Hause und legten sich zu Bett.

 

Was wird bei dieser Art des Laufdiktates geübt:

• Konzentration, ansonsten muss man noch mal laufen
• Verbindung von Kopf und Fuß
• im zweiten Teil das Lesen
• im Ordnen der Teile das sinnerfassende Lesen
• soziales Element: eine gemeinsame Aufgabe vollbringen

Kommentar
30.10.2016 | Elke Bernhardi-Traupe | Klassenlehrerin
Das ist eine wunderbare und sehr gut durchdachte Idee. Ich freue mich schon darauf, sie in meiner Klasse anzuwenden. Vielen Dank!
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