Eine Freundschaftsepoche

Ein Beitrag von Mischa W. Weggen, entnommen dem "Roten Heft" Nr. 91 der Rudolf-Steiner-Schule Nordheide, Kakenstorf

„Ganz war mein Herz an deiner Seite"

                   - zum Deutschunterricht der 9. Klasse -

„Warum müssen wir denn immer was von Goethe und Schiller lesen?" fragte ein etwas enttäuschter Neuntklässler am ersten Tag der neuen Epoche, als der Lehrer das Thema ankündigte. Immerhin: Der Schüler ließ sich überzeugen, dass zweimal (in der 8. Klasse war die Biographie Friedrich Schillers begonnen worden) noch nicht immer ist, und war außerdem geduldig genug, erst einmal abzuwarten, was da käme.

Aber die Frage ist ja berechtigt: Müssen im Deutschunterricht der 9. Klasse die Klassiker, die beiden „Dichterfürsten" eine ganze Epoche bekommen, und somit die Hälfte der Unterrichtszeit eines ganzen Schuljahres? Werden da nicht überkommene Inhalte unnütz tradiert und ein veralteter Lektürekanon verwendet? Die Antwort ist: Ja. Man würde als Lehrer den Staub des alten teutschen Gymnasiums (oder schlimmer noch: die Flausen des neuen!) in die Köpfe der Schüler pusten, wenn man sie auf dem Gipfel der seelischen Pubertät mit einer Übersicht der Werke der Weimarer Klassik langweilte. Aber in dieser Epoche geht es ja in Wirklichkeit weder um Goethe oder um Schiller noch um die Weimarer Klassik - sondern um die Jugendlichen, die 14- und 15jährigen und das, was sie in diesem Alter beschäftigt. So gesehen wäre vielleicht „Freundschafts-Epoche" der bessere Name für das, was zumeist als „Goethe-Schiller-Epoche" der 9. Klasse bezeichnet wird. Wie alle Deutschepochen, ja letztlich wie aller Unterricht der Waldorfschule überhaupt, wird ja auch die Freundschafts-Epoche nicht etwa deshalb gegeben, weil die Schüler deren Inhalte lernen sollten oder weil die Kenntnis dieser Inhalte vom Lehrer oder gar der Schulbehörde für nötig gehalten würde, sondern weil die Auseinandersetzung mit bestimmten Fragen im jeweils richtigen Alter eine Art Seelennahrung für die jungen Menschen ist; sozusagen das Holz, das sie brauchen, um das Feuer ihrer Persönlichkeitsentwicklung kräftig lodern zu lassen.

In unserer Epoche konnten wir uns nun besonders intensiv mit der bunten und reichhaltigen Biographie Johann Wolfgang Goethes beschäftigen; Schillers Leben war in der 8. Klasse schon bis zur Begegnung der beiden Männer behandelt worden. Durch die luxuriöse Länge der Epoche von über vier Wochen war es außerdem möglich, noch die Lektüre eines Dramas hinzuzunehmen sowie in Goethes Biographie auch dessen oft zu kurz kommende Naturforschung und Farbenlehre kennenzulernen. Dabei bestand zum Beispiel die Gelegenheit, vor dem Hintergrund der Goetheschen Natur- und Evolutionsgedanken einmal in Ruhe den Morgenspruch der Oberstufe zu betrachten und zu besprechen (wobei dem Lehrer wieder einmal vor Augen geführt wurde, wie sehr auch die im Spruch formulierten Gedanken Rudolf Steiners auf Goethes Naturerkenntnis beruhen, ja eigentlich eine Verfeinerung und Fortsetzung dieser Forschung darstellen).

Außerdem hatten wir Zeit, anlässlich von Schillers 250. Geburtstag, der glücklich in die Epoche fiel, uns mit dem Nachruhm des Dichters zu befassen und Thomas Manns Schiller-Novelle „Schwere Stunde" kennenzulernen.

Als Lektüre diente uns Schillers „Jungfrau von Orleans". Der besondere Wert, den die Auseinandersetzung mit der Gestalt der Johanna d 'Are für junge Menschen hat, kann hier nur kurz angedeutet werden: Eine junge Frau, ein Mädchen eigentlich noch, so alt wie die Schüler selbst, ist hin- und hergerissen zwischen den Erwartungen, die Familie und Gesellschaft an sie haben und ihrem „Auftrag", den ihr die himmlischen (inneren?) Stimmen geben, also ihrer ganz individuellen Schicksalsherausforderung. Spannendste Lektüre für Neuntklässler! Die Hürde der 200 Jahre alten Sprache ist schnell genommen, sogar vergessen, und die Heldin (auch das eine Besonderheit in einer von Männern dominierten Theaterwelt!) ist den Jugendlichen nah wie eine Freundin, eine Schwester. Die teilweise bemerkenswert gedankentiefen Aufsätze der Schüler verrieten oft genug, wie sie selbst beginnen, für sich den Weg zwischen fremdem und eigenem Anspruch zu suchen und damit ringen, ob sie ihrer inneren, himmlischen Stimme vertrauen dürfen.

Das Zentrum der Epoche aber war das lange gegenseitige Beobachten aus der Ferne und gegenseitige Umkreisen, mit dem Goethe und Schiller sich einander näherten, bis nach der ersten Enttäuschung 1794 doch noch die Anziehung aus Seelenverwandtschaft, die geistige Befruchtung aus Unterschiedlichkeit geschehen konnte. Zwischen den beiden großen Männern entsteht Freundschaft, nicht aus Neigung, sondern aus Notwendigkeit - sie brauchen einander, um ihre jeweilige Mission erfüllen zu können. Die Gespräche, die wir in der Klasse über das Freundschaftsthema hatten, führten auch noch weiter zur Frage der Liebes-Freundschaft, der Beziehung: Suche (und brauche) ich den ähnlichen oder den anderen Menschen, um ganz Ich zu sein...?

Mit den Worten „ganz war mein Herz an deiner Seite / und jeder Atemzug für dich" beschreibt der junge Goethe seine Empfindungen für Friederike Brion, aber dieser Ausdruck der seelischen Nähe von Menschen, die ganz in ihrer Gefühlssphäre leben, trifft doch so genau die Situation des Neuntklässlers, dass die beiden Verse auch als Motto der ganzen Epoche stehen können, und so haben wir selbstverständlich „Willkommen und Abschied", das Gedicht, aus dem sie stammen, im künstlerischen Teil des Hauptunterrichtes einstudiert. Neben verschiedenen Gesängen, etwa einem einfachen vierstimmigen Satz des ersten Verses des 103. Psalms in englischer Sprache, war das zweite Hauptstück des künstlerischen Teiles Goethes „Prometheus", der lautstarke Abgesang der Neuntklässler auf gegebene Autoritäten - von nun an müssen sich die Lehrer den Respekt verdienen, der ihnen früher noch selbstverständlich zu Teil wurde! In diesem (strophen -und reimlosen und daher schweren!) Gedicht klingt schon der erste Schritt der inneren Emanzipation der Jugendlichen an, zuerst von den Erwachsenen, bevor das Thema der Emanzipation vom Wir zum Ich, von der Gruppe zum Einzelnen auftaucht, das in der 10. Klasse im Nibelungenlied thematisiert wird.

Wie eine menschengerechte Gesellschaft selbstbewusster, freier Menschen aussehen könnte, wie sich die Zukunft gestalten soll, ist eine Frage, die aus dieser Selbsterkenntnis folgt und die ein typisches Jugendthema ist. Wie kann man als Schüler staunen, wenn man von den gesellschaftlichen Idealen der Weimarer Klassik hört, die eine brüderliche Gesellschaft „schöner Seelen", umfassend gebildeter Menschen ersehnten, deren Ethik aus Ästhetik kommen sollte und das Verständnis der Menschen füreinander vertiefen! Im ersten Briefwechsel bezeichnet Friedrich Schiller sich als „Spiegel" Johann Wolfgang Goethes, in dem dieser sich und seine Geistesart erkennen könne. Und da liegt das Thema des Deutschunterrichtes der 9. Klasse verborgen: Ich begegne dem anderen Menschen, und in diesem begegne ich mir selbst.

M. Weggen 

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