Mit Worten ein Bild malen (Kl. 7)

Ein Beitrag von Uli Certain (Freie Waldorfschule am Kräherwald / Stuttgart)

(Leitmotiv einer Deutschepoche in der 7. Klasse)

Worte können wie Farben sein: leicht oder kräftig. Sie können ineinander fließen oder scharf voneinander abgegrenzt sein.

  • Die erste Aufgabe bestand darin, eine Person zu beschreiben, entweder aus der eigenen Beobachtung heraus, oder von einem Bild ausgehend (Schülerarbeiten 1 und 2). Nur als scheinbar einfach erwies es sich Gegenstände so zu beschreiben, dass man sie tatsächlich zeichnen kann.
  • Nächster Arbeitsschritt: Ausgehend von einem farbigen Bild - d.h. einer Geschichte - die wichtigsten Informationen in knappen Sätzen in Form einer Inhaltsangabe zusammenzufassen.
  • Schließlich folgte die gegenteilige Bewegung. Die literarische Form, die die knappste Form einer Geschichte darstellt (die Fabel), farbig und bunt auszugestalten (Beispiel 3: Grundlage war eine Äsopsche Fabel über das Kamel). Und damit waren wir wieder beim ursprünglichen Thema angelangt.

 

Beispiel 1:

„Angestrengt schaut der Mann, den ich vor mir sehe auf seinen Gegner, der gerade zu einem neuen Schlag ansetzt. Er hat kurze braune Haare, die schweißnass sind und daher glänzen. Seine haselnussbraunen Augen sind starr nach vorne gerichtet. Seine Stirn zeigt tiefe Falten. Sein Gesicht wird von feinen Zügen gezeichnet und seine Lippen sind auffällig schmal und vor Anstrengung weiß angelaufen. Er trägt ein Hemd mit Kragen, das an ein Polo-Shirt erinnert mit weißen Streifen an den Schultern. Seine Hände umklammern voller Anstrengung den Schläger. Er beugt sich tief über die Tischtennisplatte. Er strahlt reine Konzentration aus und hat seinen Gegner und den Ball fest im Visier."

 

Beispiel 2:

„Vor mir sehe ich ein Mädchen, das sich ein wenig über ihren Tisch beugt. Ich beobachte sie. Sie hat schulterlanges Haar, das ein schönes Braun hat. Ein schräger Pony hängt ihr ins Gesicht. Ihre braunen Augen leuchten und sind konzentriert auf das Blatt vor ihr gerichtet. Ihr Mund ist rötlich, ihre Lippen sind zusammengepresst. Ihre Nase ist klein und vorne rund. An ihren Ohren baumeln Ohrringe. Sie sind silbern. Jetzt schaut sie hoch, sie schaut zu mir und lacht. Jetzt kann man ihre weißen Zähne sehen. Ich lache zurück. Sie schaut wieder auf ihr Blatt. Ihre Hände umfassen einen Stift. Jetzt fängt sie wieder an zu zeichnen. Ihre Hand wird schneller. Sie fliegt fast über das Blatt. Man kann sehen, dass es ihr Spaß macht und gleichzeitig konzentriert sie sich sehr."

 

Als Vorlage die Fabel von Äsop:

Als die Menschen das Kamel zum ersten Male sahen, erstaunten sie über die Größe des Tieres und flohen bestürzt davon. Bald merkten sie aber, dass es nicht so furchtbar sei, wie sie es erwartet hatten, sondern dass man es leicht bändigen könne. Sie fingen es mit geringer Mühe ein und verwendeten es zu ihrem Nutzen. Ganz geduldig ließ es alles mit sich geschehen und wich jeder Gefahr aus. Nun fingen die Menschen an, weil es trotz seiner Größe und Stärke sich nie widerspenstig zeigte, sondern sich jede Kränkung ruhig gefallen ließ, es zu verachten, zäumten es auf und ließen es von ihren Kindern leiten.

 

Beispiel 3:

"Als die Menschen, die in der Wüste lebten ihrer täglichen Jagd nachgingen, erspähten sie ein seltsames Wesen, das sie noch nie zuvor zu Gesicht bekommen hatten. Erschöpft wie sie waren, nahmen sie reißaus und flüchteten in ihr Dorf. Es sprach sich schnell herum. Die Jungen, die das zu Ohren bekamen und sich beweisen wollten, zogen schwer bewaffnet zu jenem Ungetüm. Als sich die Mutigen unter ihnen herangepirscht hatten und sie es aus nächster Nähe beobachtet hatten, schien es recht harmlos zu sein: Mit seinen großen Augen, langen Wimpern, klobigen Füßen und plumpen Maul. Da streckte der Jüngste von ihnen langsam seine Hand aus, die er aber sofort wieder zurückzog, als es seine großen Nüstern blähte und an seiner Hand roch. Darauf warf sein ältester Bruder eine Schlinge über den Hals des Kamels und bändigte es mit wenig Kraftaufwand. Einige Jahre wurde es von jedermann verpönt, weil es alles mit sich machen ließ. Selbst die kleinen Kinder, die vor jedem anderen Wesen Scheu hatten, ritten auf ihm und traktierten es mit ihren Stöcken. Jeder hatte so ein Kamel, denn selbst der Ärmste konnte sich leisten."

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