Schattenbilder und Adjektive

Ein Beitrag von Daniela Juda (Rudolf-Steiner-Schule Schloss Hamborn)

Im letzten Schuljahr war meine Klasse in der 4. Jahrgangsstufe. Der Rubikon war überschritten und die gegenseitige Wahrnehmung hatte sich verändert. Die Kinder achteten jetzt auch erstmals mehr auf die Äußerlichkeiten und Charakteristika der Mitschüler oder beurteilten sie.

In der Deutschepoche erklärte ich noch einmal, was denn Adjektive seien und wie sie einen Text interessanter machen würden. Ich wollte ihnen beweisen, dass wir mit Adjektiven innere Bilder erzeugen. Spontan gab ich der Klasse ein Rätsel: „Ich beschreibe Euch nun ein Kind der Klasse, indem ich nur Adjektive nenne. Und am Ende müsst ihr raten, um welches Kind handelt es sich denn.“ Rund ¾ der Klasse konnte das Rätsel auf Anhieb lösen und benannte das richtige Kind. Daraus wuchs etwas:

Ich möchte hier gern eine „Idee“ aus meinem Unterricht als Klassenlehrerin vorstellen, die sich mit einer besonderen Eigendynamik entwickelt hat. Während der Deutschepoche des vergangenen Herbstes machten wir eine Grammatik-Übung zu den Adjektiven, mit denen wir uns damals intensiv beschäftigten.

Dann kamen viele kleine Impulse der Kinder und ehe wir uns versahen, entstand daraus folgendes Wertschätzungsritual:
Wöchentlich habe ich mit Assistenz von den Mitschülern von jedem Kind einen Scherenschnitt auf DIN A3 gezeichnet, der eine Woche lang in der Klasse hing und uns begleitete. Nicht ein Foto des Kindes, sondern seine Umrisse tagtäglich zu sehen, hat unsere Aufmerksamkeit geschult. Parallel dazu habe ich montags kleine bunte Zettel (Telefonnotizblock in 10 x 10 cm) an die Mitschüler ausgeteilt. Darauf sollte jeder die guten Eigenschaften des Scherenschnitt-Kindes schreiben und in ein Kästchen auf meinem Pult hinterlegen. Tag für Tag habe ich diese auf eine Schnur aufgefädelt, die wie eine Halskette um den Scherenschnitt gelegt war. Am Freitag war Abgabeschluss. Am Montag der neuen Woche haben wir im Morgenkreis eine Kerze angezündet und vor das Kind gestellt; alle sind zur Ruhe gekommen. Dann habe ich die Kette abgenommen und sie dem Kind und seinen Mitschülern vorgelesen. Dann wurde das Päckchen „Wortgeschenke“ und der Scherenschnitt überreicht und durfte mit nach Hause genommen werden. Während des Vorlesens war stets eine andächtige Stimmung. Ich hatte befürchtet, dass es irgendwann uninteressant werden könnte und schon gegrübelt, wie ich den Spannungsbogen auch für die letzten Kinder halten könnte. Doch meine Sorgen waren unbegründet! Ich nahm eher das Gegenteil wahr: Eine sich immer intensivere, verbindlichere Atmosphäre während dieses Rituals. Wir veränderten mit der Zeit auch die „Qualität“ der Wortbeiträge: Wir sprachen zum Beispiel über das Adjektiv „nett“. Dabei stellten die Kinder fest, dass es sehr viele Bedeutungen hat. Von 12 Kindern, die „nett“ verwandt hatten, umschrieben es neun mit einem anderen Adjektiv. So entstand bei den Kindern die Frage, wie das Scherenschnitt-Kind denn wissen könne, welches „nett“ gemeint ist? Also legten wir gemeinsam fest, dass für jedes niedergeschriebene „nett“ auch 2 weitere Adjektive als Ergänzung, also als Begleiter, dabei sein sollten. Auch quantitativ veränderten sich die Beiträge: Die Kinder überlegten immer intensiver und gaben sich sichtlich und ausdauernd Mühe, das Scherenschnitt-Kind zu beschreiben bzw. mit seinen guten Eigenschaften zu beschenken.

Für negative Empfindungen dem Scherenschnitt-Kind gegenüber hatte ich anfangs angeboten, einen Brief zu schreiben, den ich dann mit beiden Kindern außerhalb der Klasse lesen würde. Doch dieses Angebot wurde nie in Anspruch genommen. Die Kinder waren so auf das Positive konzentriert, dass es nie zu unangenehmen Situationen für das zu beschenkende Kind kam.

Durch Ferienunterbrechungen verlief dieser Prozess von November bis Mai, also ein gutes halbes Jahr haben wir an diesem Ritual festgehalten. Für unsere Klassengemeinschaft war es ein wirklicher Segen.

Folgende Fotos können die Idee verdeutlichen:

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