Einführende Gedanken

Was ist Grammatik? Und wie kann sie selbstentdeckend erfahrbar werden?

Die grammatikalischen Strukturen einer Sprache sind ihr Skelett, ihr Gerüst, um das sich lebendige und vielfältige Sprachanwendung rankt. Sie bilden den Formpol, die gesetzmäßige Grundlage, auf der sich individueller sprachlicher Ausdruck entfalten kann. Grammatik macht es möglich, sich differenziert und verständlich zu äußern. 

Dass die Grammatik einer Sprache ein festgelegtes Regelwerk ist, bedeutet nicht, dass es sich um ein trockenes Thema handelt. Denn indem wir sie bewusst oder unbewusst in unserer Sprache anwenden, sind wir ständig mit ihr in Interaktion. Während des Spracherwerbs unserer Muttersprache lernen wir sie unbewusst mit. Jedes Kind kennt sie also schon vor dem ersten Grammatikunterricht insofern, als dass es sie (weitgehend) sicher anwendet.

Bei der Entdeckung der grammatikalischen Strukturen unserer Muttersprache können wir uns also auf unsere unbewusste Spracherfahrung beziehen. Es geht im Grammatikunterricht daher nicht darum, grundlegend Neues zu lernen, sondern darum, den eigenen lebendigen Sprachgebrauch zu reflektieren.

Die Art, wie wir diese Reflexion betreiben, bestimmt, ob Grammatik als ein die Sprache belebendes und differenzierendes Phänomen oder als abstrakte Struktur wahrgenommen wird. Erklären wir den Schülerinnen und Schülern bestimmte grammatikalische Begriffe, die wir durch Beispiele belegen, ist das ein Weg, der vom Abstrakten ausgeht und recht mechanisch bleibt. Lassen wir die Schülerinnen und Schüler hingegegen an ausgewählten Beispielen bestimmte Phönomene der Sprache erleben und lassen sie dann selbst einen Begriff dafür finden, schaffen wir eine innere Verbindung zur Sprache. 

Ein Beispiel: Zur Erforschung der drei Grundwortarten Nomen, Verb und Adjektiv in der 3. Jahrgangsstufe können wir mit den Schülerinnen und Schülern ein Bild betrachten und gemeinsam alles benennen, was dort zu sehen ist: Blumen, Gras, Käfer, Schmetterlinge, Bienen, eine Schnecke usw.. Dann fragen wir, was diese tun: blühen, wachsen, krabbeln, fliegen, summen, kriechen usw.. Schließlich fragen wir, wie sie aussehen oder welche Eigenschaften sie haben: bunt, schmal, dick, leicht, fleißig, langsam usw.. Wir notieren die Sammlungen und erkunden sie, so dass der unterschiedliche Charakter der einzelnen Wortarten erfahrbar wird: So erfordert die Verwendung von Nomen vor allem gedankliche, abstrahierende Beschäftigung mit der Welt. Bei der Verwendung von Verben hingegen vergegenwärtigen wir uns die zu beschreibende Tätigkeit, die Bewegung. Sind wir auf der Suche nach dem passenden Adjektiv, fühlen wir uns in den zu beschreibenden Gegenstand ein. Aus dieser erlebnisbezogenen Verbindung mit den Wortarten können Schülerinnen und Schüler selbst auf die entsprechenden Begriffe (Namenwort, Tunwort, Wiewort oder Eigenschaftswort) kommen. 

Im nächsten Schritt geht es natürlich darum, die entdeckten Gesetzmäßigkeiten zu abstrahieren, Regeln zu formulieren und diese bewusst anzuwenden. Grammatikübungen erfordern Konzentration und sind bisweilen harte Arbeit. Ging dieser Arbeit lebendiges Erschließen und wesenhaftes Erkennen voraus, ist sie nicht stures Büffeln abstrakter Formen, sondern gedanklich tätiges Durchdringen der Formkraft der Sprache.

Grammatikunterricht kann somit zu einer spannenden und lebendigen Entdeckerreise werden, auf der Schülerinnen und Schüler vieles selbst erforschen können. Es kann Respekt entstehen vor dem „Kunstwerk Sprache".

Diesem Beitrag liegt Erika Dühnforts Standardwerk „Der Sprachbau als Kunstwerk. Grammatik im Rahmen der Waldorfpädagogik" , Verlag Freies Geistesleben, zugrunde. 

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