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Am Kamin

Nach einem englischen Volkslied

 

Kennst Du die hohe Wissenschaft,
der Bäume Geist, des Holzes Kraft?
Wenn nicht, so lass uns am Kamin
Andächtig lauschend niederknien!

Das Buchenholz brennt hell und rein,
doch muss ein Jahr verstrichen sein,
seit man im Wald den Baum gefällt,
zersägt und mit dem Beil gespellt.

Noch länger braucht ein Eichenscheit
An Zeit, bevor es brennbereit.
Allein der Hölzer Königin,
Gleichviel, ob trocken oder grün,
das ist die Esche; denn ich weiß:
sie brennt geduldig, hell und heiß.

Das Birkenholz brennt auf der Stell',
Sein heller Geist verzehrt sich schnell,
Schnell sinkt die Flamme überm Rost
Und dunkelt hin und ist verglost.

Das Pappelholz mit bittr'rem Rauch,
reizt deinen Hals, die Augen auch.
Wie modrig Holz die Ulme brennt,
gehemmt vom fremden Element.
Selbst ihre Flamme phosphorhaft
Scheint taub und kalt, ohn Geisteskraft.

Vom Apfelbaum das kleinste Scheit,
es füllt mit Duft die Räume weit.
Geht auch der Winter ins Gericht,
Du schließt den Blick und siehst ihn nicht.
Das Holz vom Hagedorn beschafft,
durchsüßt geheim des Brotes Kraft.
Bachstuben duften wunderbar
In Irland, wo es Sitte war.

Kein Holzscheit sich vergleichen kann
Mit einer Esche. Schau dir's an!
Für einer Königin Gelass
Ein festlich Feuer wäre das:
So hell, wie heiß und abendlang
Mit Flammenknacken und Gesang.

Das Feuer

Hörst du, wie die Flammen flüstern,
knicken, knacken, krachen, knistern,
wie das Feuer rauscht und saust,
brodelt, brutzelt, brennt und braust?

Siehst du, wie die Flammen lecken,
züngeln und die Zunge blecken,
wie das Feuer tanzt und zuckt,
trockne Hölzer schlingt und schluckt?

Riechst du, wie die Flammen rauchen,
brenzlig, brutzlig, brandig schmauchen,
wie das Feuer rot und schwarz,
duftet, schmeckt nach Pech und Harz?

Fühlst du, wie die Flammen schwärmen,
Glut aushauchen, wohlig wärmen,
wie das Feuer, flackrig-wild,
dich in warme Wellen hüllt?

Hörst du, wie es leiser knackt?
Siehst du, wie es matter flackt?
Riechst du, wie der Rauch verzieht?
Fühlst du, wie die Wärme flieht?

Kleiner wird der Feuerbraus:
Ein letztes Knistern,
ein feines Flüstern,
ein schwaches Züngeln,
ein dünnes Ringeln -
aus.

James Krüss

 

Die Flamme

Dieses Gedicht von Christian Morgenstern ist vielleicht erst auf den zweiten Blick verständlich - dann aber umso besser. Es beschreibt eine Flamme, die verächtlich darüber denkt, wenn sie auf einer Kerze von einem Menschen ausgeblasen wird und dabei steckt doch eine grenzenlose Kraft in ihr, welche alles verschlingen will ...
Man wird dieses Gedicht mit einer Klasse sehr ausdrucksstark sprechen können.


Die Flamme
So sterben zu müssen -
auf einer elenden Kerze!
tatenlos, ruhmlos
im Atemchen
eines Menschleins
zu enden! ...
Diese Kraft,
die ihr alle nicht kennt -
diese grenzenlose Kraft!
Ihr Nichtse! ...
Komm doch näher,
du schlafender Kopf!
Schlummer,
der du ihn niederwarfst -
ruf doch dein Brüderlein Tod -
er soll ihn mir zuschieben -
den Lockenkopf -
ich will ihn haben - haben!
Sieh,
wie ich ihm entgegenhungre!
Ich renke mir alle Glieder
nach ihm aus ...
Ein wenig noch näher -
näher -
ein wenig -
so -
jetzt vielleicht -
wenn`s glückt -
ah! du Hund!
Er will erwachen?
still -
still -
so ist`s noch besser!
Der Pelz am Mantel -
Der Pelz - der Pelz -
hinüber - hinüber -
ahhh! Fass ich dich - hab ich dich -
hab ich dich, Brüderchen -
Pelzbrüderchen, hab ich dich - ahhh!
Hilft dir nichts -
wehr dich nicht mehr!
Mein bist du jetzt -
Hand weg!
Wasser weg!
Mein bist du jetzt!
Wasser weg!
Wart`, da drüben ist
auch noch für mich -
so -
den Vorhang hinauf -
fängst mich nicht mehr -
Tuch - Tuch -
jetzt bin ich Herr!
Siehst du, jetzt breit` ich mich
ganz gemächlich im Zimmer aus -
lass doch den Wasserkrug!
Lass doch das Hülfgeschrei!
Bis sie kommen
bin ich schon längst
in den Betten und Schränken -
und dann könnt ihr nicht mehr herein -
und ich beiß` in die Balken der Decke -
die dicken, langen, braunen Balken -
und steig` in den Dachstuhl -
und vom einen Dachstuhl
zum andern Dachstuhl -
und irgendwo
wird` ich wohl Stroh finden,
und Öl finden,
und Pulver finden -
das wird eine Lust werden!
Das wird ein Fest werden!
Und wenn ich die Häuser alle zernichtet -
dann wollen wir mit Wäldern
die Fische in den Flüssen kochen -
und ich will euch hinauftreiben
auf die kältesten Berge -
und da droben
sollt auch ihr meine Opfer werden,
sollt ihr meine Todesfackeln werden -
und dann wird alles still sein -
und dann -

Christian Morgenstern

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