Erster Zucker aus der Zuckerrübe

Von Hans Ebeling aus " Deutsche Geschichte"

1747 hatte der Berliner Chemiker Marggraf der preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin eine Denkschrift vorgelegt, in der er aus­führte, daß man „wirklichen Zucker" aus „verschiedenen in unserer Gegend wachsenden Pflanzen" gewinnen könne, insbesondere aus der Runkelrübe.

 

Wirklichen Zucker!

Das wäre eine wichtige Sache gewesen, denn man gab alljährlich in den meisten europäischen Staaten große Summen aus, um von den Kolonialvölkern den begehrten Rohrzucker einzuhandeln. Aber Marggrafs Denkschrift wäre wohl im Archiv der Akademie unbeachtet verstaubt, wenn nicht ein Schüler Marggrafs, Franz Achard, die Gedanken seines Lehrers aufgegriffen und praktisch weiter verfolgt hätte. 1789 machte Achard auf seinem Gute Kaulsdorf bei Berlin die ersten Versuche zur Gewinnung von Zucker aus der bisher so verachteten Futter- und Runkelrübe. Er baute eine kleine Fabrik. Doch bevor er richtig in ihr ar­beiten konnte, brannte sie ab.

Aber Achard war zäh. Er kaufte ein neues Gut in Schlesien, baute eine neue Fabrik und war bald so weit, daß er dort 70 Ztr. Zucker am Tage herstellen konnte. Seinem Beispiele folgte ein adliger Gutsbesitzer in Krain. Sie waren um 1800 die einzigen in Europa, die einheimischen Zucker liefern konnten. Aber klingenden Erfolg zogen sie daraus nicht.

 

Napoleon

Erst Napoleons Kontinentalsperre gegen England brachte dem Zucker­rübenanbau die große Stunde. Nirgends gab es mehr Zucker außer dem heimlich eingeschmuggelten, und der war natürlich unerschwinglich teuer. Da entsann sich ein französischer Hauptmann der Tatsache, daß die Deut­schen die Herstellung von Rübenzucker zwar erfunden, aber nicht ausgenutzt hatten. Er bat den Kaiser Napoleon um eine Unterstützung zum Bau einer Zuckerfabrik. Als der Kaiser diese erste Zuckerfabrik bei Paris besichtigte, war er so begeistert, daß er den Ordensstern der Ehrenlegion von seinem Rock nahm und ihn dem Fabrikanten an die Brust heftete. Nun konnte man eigenen Zucker erzeugen! Damit war ein wichtiger Teil des englischen Handels ausgeschaltet. Das sollte eine der Waffen sein, um England auf die Knie zu zwingen.

 

Zurück nach Preußen

So wurde der Zuckerrübenanbau und die Verarbeitung staatlich geför­dert. Von Frankreich kam die neue Industrie über Württemberg und Mün­chen wieder nach Preußen zurück, und hier erhielt sie immer weitere Verbreitung und Vervollkommnung. Auf guten Böden wurde die Zucker­rübe die ertragreichste und gewinnbringendste Nutzpflanze. Heute besitzen große Teile Europas eigene Zuckerindustrien. In vielen Teilen der Welt wurde der tropische Rohrzucker durch den Rübenzucker verdrängt. Aus dem einstigen Naschwerk bevorrechteter Kreise wurde damit ein wichtiges Volksnahrungsmittel.

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