Life Cycles - Aufklärung in der sechsten Klasse

Ein Beitrag von Sven Saar

Im Nachhinein ist es schwierig festzustellen, wann genau der Aspekt der menschlichen Sexualität in der »Ernährungsepoche« der siebten Klasse Einzug hielt. Aber dort hat sie in vielen britischen Waldorfschulen seit nunmehr einigen Jahrzehnten ihren festen Platz. Zwei Überlegungen haben mich dazu veranlasst diesen Zeitpunkt in Frage zu stellen:

  1. Will man das Thema gleichzeitig mit Blutkreislauf, Atmung, Ernährung, Sinnespflege, Jugendhygiene und Drogenmissbrauch durchnehmen, dann muss es notwendigerweise etwas zu kurz kommen, sonst würde die Unterrichtsepoche mindestens sechs Wochen dauern.
     
  2. Während mir dieser Zeitpunkt am Anfang der siebten Klasse bei meinem ersten Klas­senlehrerdurchlauf vor neun Jahren noch angemessen erschien, hatte ich bereits gegen Ende des vierten Schuljahres meiner jetzigen Klasse das Gefühl, dass für diese Schü­lergruppe das Thema Sexualität etwas früher kommen müsste. Sie waren zwar nicht unbedingt körperlich weiter entwickelt, aber die meisten von ihnen waren bereits seit mehreren Jahren durch die Musik- und Filmindustrie mit einer derartigen Flut an sexuellen Eindrücken und Themen konfrontiert worden, dass eine ausgleichende Einflussnahme angeraten schien.

 

Unterrichtsplanung

Ich fasste den Entschluss, mich nicht übereilt auf neues und unerprobtes Terrain zu begeben, sondern stattdessen zunächst die rechten Voraussetzungen zu schaffen. Als erstes schilderte ich mein Vorhaben in groben Zügen bei einem Elternabend im Laufe des fünften Schuljahres und schlug vor, den Sexualkundeunterricht in die zweite Hälfte des sechsten Schuljahres zu legen. Die Eltern reagierten positiv, und ich bat sie daraufhin, darüber nachzudenken, wie sie das Thema zuhause mit ihren Kindern ansprechen wollten. Bei dem darauf folgenden Elternabend legte ich den Eltern nahe, die »Aufklärung« in den nächsten acht oder neun Monaten zu Hause in einer ihnen angemessenen Weise vorzubereiten. Es war mir wichtig, dass das Thema zunächst weniger abstrakt und in einer vertrauten Umgebung von einer vertrauten Person an das Kind herangebracht wurde. Zu Beginn des sechsten Schuljahres beschrieb ich den Eltern genauer, was ich für die Unterrichtsepoche geplant hatte. Es war wichtig, zu diesem Zeitpunkt sicher zu stellen, dass die Eltern meinem Unterrichtsplan zustimmten, denn bei einem derart heiklen Thema könnte es leicht zu unvorhergesehenen und unangenehmen Meinungsverschiedenheiten kommen. Die Epoche hatte das Ziel, das männliche und weibliche Element in den Naturreichen anzuschauen und Übereinstimmungen sowie Unterschiede beim Menschen herauszufinden. Daraufhin sollte die Beschreibung der Geschlechtsorgane und ihrer Funktion folgen, und zum Schluss auch besprochen werden, wie es zu einer Schwanger­schaft kommt.

 

In der ersten Woche wiederholten wir Pflanzenkundliches, besonders die Pflanzenblü­te, wobei wir näher auf die Funktion der einzelnen Teile eingingen. Die Kinder hörten, was bei der Befruchtung vor sich geht, und dass wir im (männlichen) Staubbeutel eine gebende Geste erkennen können, während das (weibliche) Fruchtblatt empfängt und verwandelt. Ich wies zu diesem Zeitpunkt darauf hin, dass wir diese grundlegenden Gesten auch in den anderen Naturreichen wiederfinden würden.

Der nächste Schritt brachte uns zu den Insekten, insbesondere zu den Schmetterlingen, die eine so wichtige Rolle bei der Pflanzenbefruchtung spielen. Rudolf Steiner hat auf die nahe Verwandtschaft zwischen beiden aufmerksam gemacht.

Als wir die tief beeindruckende Verwandlung im Innern der Schmetterlingspuppe be­handelten, fand sich auch bei der Wiederholung am nächsten Tag die Gelegenheit, auf die Ähnlichkeit mit der unsterblichen Seele hinzudeuten - ein Bild, das sich wie kein anderes für dieses Wunder der Natur eignet.

Nach einer kurzen Betrachtung der Eintagsfliege verweilten wir im gleichen Lebens­raum bei einem Fisch, dem Lachs, der sich unter anderem von diesen kurzlebigen Insek­ten ernährt.

Mein Hauptziel war hier die Fortpflanzung. Die Befruchtung findet außerhalb des Körpers statt (hier wird der Begriff »Sperma« eingeführt), die Eltern haben keine Verbin­dung zu ihren Jungen. Viele Lachse sind in der Tat von der langen und anstrengenden Wanderung flussaufwärts und von dem Mangel an Nahrung so erschöpft, dass sie kurz nach der Paarung sterben.

Anhand von Reptilien, Vögeln und Säugetieren schauten wir uns hauptsächlich die Beziehung zwischen Eltern und ihren Jungen an und stellten fest, dass diese Beziehung umso enger und anhaltender ist, je höher wir in den komplexer werdenden Naturreichen hinaufstiegen (natürlich gibt es hier Ausnahmen). Im Allgemeinen lassen sich folgende Fortschritte feststellen:

  • Bei den Pflanzen erfolgt die Fortpflanzung asexuell oder über Bestäubung. Pflanzen haben - von der räumlichen Nähe abgesehen - keine Beziehung zu der nächsten Ge­neration.
  • Bei den niederen Tieren findet die Befruchtung oft außerhalb des Körpers statt (in der Pflanzenwelt sozusagen), die Jungen sind von den Eltern unabhängig.
  • Reptilien und Vögel paaren sich durch Vereinigung ihrer Sexualorgane und brüten ihre Eier aus. Sie verlassen ihre Jungen spätestens, wenn diese sich selbst ernähren können.
  • Säugetiere paaren sich ähnlich, aber sie füttern ihre Jungen und gehen erst getrennte Wege, wenn die Jungen sexuell reif geworden sind.
  • Beim Menschen ist die Paarung, Ernährung und Pflege des Nachwuchses zwar wie bei den Säugetieren, aber es besteht eine lebenslange Beziehung innerhalb der Familie. Selbst wenn Eltern und Kinder voneinander unabhängig und räumlich getrennt sind, ist ein ständiges Bewusstsein voneinander vorhanden.

 

In der zweiten Woche behandelten wir den Menschen. Am ersten Tag bat ich die Kinder, sich zurückzuerinnern und zunächst auf einem Blatt Papier (später in ihren Heften) ein wichtiges Ereignis für jedes Jahr ihres Lebens festzuhalten. Dann sollten sie über den ersten Geburtstag hinausgehen bis zum Alter von neun, sechs und drei Monaten und dann zu ihrer Geburt.

Die Suche nach Ereignissen in den ersten Lebensmonaten und -jahren führte zu inter­essanten Gesprächen zu Hause am Abendbrottisch. Durch diese Hausaufgabe sollte das Interesse an der Frage »Woher komme ich eigentlich?« geweckt werden, und die Eltern konnten auf kreative und für sie zufriedenstellende Weise daran beteiligt werden.

Als nächstes beschäftigten wir uns mit den Ereignissen vor der Geburt und mit der Ent­wicklung des ungeborenen Kindes. Es ist wichtig, hierbei ein Gefühl von Ehrfurcht und Respekt zu wecken, so dass die Kinder ein echtes Erstaunen darüber entwickeln können, dass der sieben Wochen alte Embryo bei einer Größe von nur zwei Zentimetern bereits Augen, Ohren, Darm, Nieren, Leber, Lungen, Mund und Nasenlöcher besitzt. Diese Entwicklung kann auch rückwärts angesehen werden, wenn man mit dem voll entwickelten Fötus von 40 Wochen beginnt.

Nun war der Zeitpunkt gekommen, vor dem ich mich etwas gefürchtet hatte. Waren die Schüler auf Grund der Behandlung der Naturreiche genügend darauf vorbereitet, Zeichnun­gen der Geschlechtsorgane an der Tafel vorzufinden? Aber meine Sorgen waren unnötig gewesen: Die Schüler und Schülerinnen zeigten ein lebhaftes Interesse und wenig Verle­genheit. Die Betrachtung der Funktion von Eierstock, Eileiter und Gebärmutter führte uns zum Thema Menstruation. Ich entschied mich, die Aufgabe der Hormone auszulassen und stattdessen ein Bild für die Reise des befruchteten oder unbefruchteten Eies zu bringen:

In einem großen Palast ist ein Raum, durch den die Königin einmal im Monat hindurch geht.  Gewöhnlich kommt sie alleine durch eine Tür auf einer Seite und verlässt den Raum durch eine Tür auf der anderen Seite. Gelegentlich kommt sie aber zusam­men mit dem König und dann bleiben beide für längere Zeit in dem Raum. Die Diener des Palastes wissen nie im Voraus, ob der König auch kom­men wird oder nicht, deshalb bereiten sie den Raum auf jeden Fall für einen längeren Aufenthalt vor: Sie machen alles so bequem und angenehm wie möglich, indem sie die Wände rundherum mit weichen Kissen und Sofas ausstatten. Durchquert die Königin - wie gewöhnlich - den Raum alleine, dann wird er sofort leergeräumt und gereinigt, und so bleibt er, bis die Zeit für den nächsten Besuch herankommt.

Wenn man Zwölfjährigen ein solches Bild präsentiert, ist es natürlich wichtig, dass man dies mit einem Augenzwinkern tut, und nicht vermeidet, die Tatsachen beim richtigen Namen zu nennen, sonst haben die Kinder das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Es ist wichtig, dass sich ein Gefühl der Ehrfurcht für den Menstruationsvorgang entwi­ckeln kann, besonders auch bei den Jungen, von denen man erwartet, dass sie -jetzt und auch später - Mitgefühl und Respekt Frauen gegenüber empfinden.

Wenn man die männlichen Geschlechtsorgane behandelt, sollte man darauf hinweisen, dass sie zwar viel einfacher gestaltet sind (ein besonders aufmerksames Mädchen nannte sie »Mehrzweckorgane«) und sich außerhalb des Körpers befinden, dass sie jedoch die gleiche Bewegungsgeste aufweisen.

Man kann der Klasse viel Verlegenheit ersparen, wenn man die Tafelzeichnungen farbig und streng schematisch anfertigt und nicht dreidimensional und fleischfarben.

Nun können sexuelle Vereinigung, Befruchtung und Zellteilung recht faktisch durchge­nommen werden, wobei ein wenig Humor immer hilft und sich auch durchaus anbietet, wenn man das Wettrennen der Samen zum Ei hin beschreibt. An dieser Stelle führte ich eines der wichtigsten Lehrmittel für diese Epoche ein.

 

Der Briefkasten

Wenn der Hauptunterricht bis hierhin fortgeschritten ist, wird es in den Köpfen der Kin­der, ob sie schon in der Pubertät sind oder noch auf dem Weg dahin, von Fragen geradezu wimmeln, und sie werden es eventuell unmöglich finden, ihren Eltern oder auch Freun­den diese Fragen direkt zu stellen. Es gehört auch sehr viel Mut dazu, sich zu melden und vor der ganzen Klasse eine Frage über Sex zu stellen.

Auf dem Lehrerpult erschien eine große, attraktive Schachtel, in die oben eine Öffnung geschnitten war. Die Schüler und Schülerinnen wurden ermutigt, ihre Fragen (anonym) auf ein Blatt Papier zu schreiben und in den »Briefkasten« zu werfen. Am Ende jedes Schultages leerte ich den Briefkasten und schrieb die Fragen in mein Vorbereitungsbuch, um dann im Laufe der nächsten Tage an geeigneter Stelle darauf einzugehen, ohne auch nur im Geringsten auf die Identität des Autors bzw. der Autorin hinzuweisen. Auf diese Weise konnte ich den Unterricht an die Bedürfnisse der Kinder anpassen und ihnen ver­sichern, dass sie mir ihre Fragen anvertrauen konnten. Hier sind einige Fragen, die ich gleich am ersten Tag im Briefkasten fand:

Ist Ficken das gleiche wie Sex?
Könnte ein Mensch mit einem Säugetier Sex haben?
Stirbt das Baby, wenn man während der Schwangerschaft Sex hat?
Warum macht Sex Spaß?
Was passiert, wenn das Glied zu groß für die Scheide ist?
Wie viele Babys kann man auf einmal haben?
Wie küsst man sich, wenn man Sex hat?
Kann es vorkommen, dass der Penis stecken bleibt?
Wird das Glied nur steif, wenn Samen produziert werden?
Was passiert, wenn jemand Samen isst?
Warum bedecken wir unsere Geschlechtsorgane?
Ist dieser Hauptunterricht für Sie [den Lehrer] peinlich?

 

Fragen über Sex und Erwachsenwerden

Die dritte und letzte Woche dieser Epoche ist am schwierigsten vorzubereiten, weil es problematisch ist, den Inhalt verallgemeinernd darzustellen. Als Lehrer weiß man, was enthalten sein muss, aber wie man dabei am besten vorgeht, lässt sich nur aus der Reaktion der Kinder auf die zweite Unterrichtswoche heraus entwickeln. Die Fragen im Briefkasten werden immer abenteuerlicher, müssen aber dennoch mit Respekt behandelt werden.

 

Als Grundregel sollte die Lehrperson beim Sexualkundeunterricht stets folgendes be­achten:

  • Kein Kind sollte das Gefühl haben, dass es individuell angesprochen oder bloßge­stellt wird.
  • Auf keinen Fall sollten Dinge angesprochen werden, die die Stellung der Lehrperson in den Augen der Kinder gefährden könnten, zum Beispiel sollte sie nie über eigene Erfahrungen oder Gefühle sprechen.

Nach der Wiederholung des Empfängnisvorganges wird mindestens die Hälfte der Kin­der das (unausgesprochene) Gefühl haben, dass etwas ungesagt geblieben ist: Erwachse­ne haben doch mit Sicherheit nicht nur Sex, wenn sie sich ein Kind wünschen?

Um eine Diskussion über Sex als intimen Austausch von Zärtlichkeiten vorzubereiten, schauten wir uns die Liebe in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen an. Dafür führte ich William Blakes Gedicht »The Clod and the Pebble« (Der Klumpen und der Kiesel) ein.

 

»Der Liebe Sinn steht nicht nach Selbstgenuss,
Noch sorgt sie sich um's eigne Sein,
Für den Andren leidet sie Verdruss,
Erschafft den Himmel aus Höllenpein.«

So sprach ein kleiner Klumpen Ton,
Zertreten von den Rinderhufen.
Doch ein Kiesel, voller Hohn,
Fing im Bach gleich an zu rufen:

»Der Liebe Sinn steht nur nach Selbstgenuss,
Den Anderen zu binden für alle Zeit,
Frohlockt sie ob des Anderen Verdruss,
Erschafft im Himmel ein Höllenleid.«

(Übersetzung: Sven Saar)

 

Ohne allzu viel zu analysieren, kann bei den Kindern ein Verständnis dafür geweckt werden, dass Liebe dann eine positive Kraft ist, wenn der andere Mensch dabei die Hauptperson ist, dass sie jedoch ins Negative gekehrt wird und zerstörend wirken kann, wenn die eigenen Interessen dabei im Vordergrund stehen. Während der folgenden Tage sprachen wir viel über »Ton- oder Kieselliebe«, um deutlich zu machen, welche Art von Liebe gemeint war. Dazu hörten wir die Legende von Tristan und Isolde.

Man kann den Zusammenhang zwischen geistiger (Tonliebe) und körperlicher Liebe (Kieselliebe) auf unterschiedliche Weise erklären. Mittlerweile verstehen die Schüler zwar den Unterschied, aber sie verstehen nicht unbedingt, wie die eine Art von Liebe zu der anderen führt. Eine Möglichkeit der Erklärung ist folgende:

Welche Teile unseres Körpers entblößen wir nicht, wenn wir uns in der Öffentlichkeit umziehen müssen und warum nicht? Wie knapp bemessen manche Badekleidung auch sein mag, sie bedeckt normalerweise die gleichen 5% des Körpers: die Geschlechtsteile. Der Grund dafür liegt darin, dass wir alle diese Regionen als privat und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ansehen. Es ist allerdings möglich, dass zwei Menschen so viel Liebe füreinander empfinden, dass das Bedürfnis entsteht, auch diesen privaten Bereich miteinander zu teilen. So gesehen, bedeutet eine sexuelle Beziehung, dass man einem anderen Menschen etwas gibt, was man normalerweise nicht leichthin gibt und dieses »Geschenk« sollte mit dem größten Respekt entgegengenommen werden.

Die Schüler wissen (meist vom Hörensagen), dass sexuelle Gefühle angenehm sind und dass sexuelle Begierde nicht unbedingt ein selbstloses Empfinden ist. (Der jahre­lange Konsum von Popvideos wird darüber keine Zweifel gelassen haben.) Die meisten Erwachsenen würden sich unwohl dabei fühlen, über sexuelle Gefühle mit Kindern zu sprechen, die damit ja noch keine Erfahrung haben, und es ist im Rahmen dieser Epoche auch nicht notwendig. Dennoch sollte man auf Fragen wie die folgende vorbereitet sein, die in meiner Klasse wie selbstverständlich gestellt wurde: Warum ist denn miteinander schlafen so etwas Besonderes im Vergleich zum Küssen?

Ich erklärte, dass die Haut an einigen Körperteilen sensibler ist als an anderen, dass zum Beispiel eine Verletzung am Finger mehr weh tut als am Knie, und wenn einem jemand den Handrücken kitzelt, kann man es weniger lange ertragen, als wenn einem jemand an der Wange kitzelt. Die Nerven an den äußeren Geschlechtsteilen sind noch viel sensibler und sie werden bei der körperlichen Liebe auf eine sehr angenehme Weise stimuliert. Wenn dieses angenehme Gefühl fast unerträglich wird, kommt es zu einem Orgasmus. Beim Mann wird dadurch der Samen freigesetzt.

Ich bat die Schüler, ihre eigene Reaktion auf die darauf folgende Frage aus unserem »Briefkasten« genau zu beachten: Kann ein Mensch mit einem Säugetier Sex haben?

Die lauten Abscheubekundungen in der Klasse waren natürlich vorhersehbar und, wie ich meinen Schülern versicherte, ein Zeichen gesunder sexueller Instinkte. Ein Tier zur sexuellen Befriedigung zu benutzen ist »so total Kiesel«, wie ein Schüler es ausdrückte, dass es für uns nicht akzeptabel ist.

Es ist wichtig, diese gesunden Instinkte bei jungen, heranwachsenden Menschen zu pflegen. Besonders in unserer Gesellschaft, in der religiös-sittliche, geschlechtsspezifi­sche oder klassenbestimmte Regeln mit Recht nicht mehr ungefragt angenommen wer­den, ist es wichtig, dass jeder Mensch lernt, auf eine innere Vernunft- und Gewissens­stimme zu hören. Die Abwesenheit eines allgemein anerkannten Moralgesetzes ist keine Tragödie, sondern ein Schritt vorwärts in der Entwicklung menschlicher Freiheit. Als Erzieher stehen wir in der Pflicht, beim jungen Menschen die Fähigkeit zu entwickeln, in moralischer Hinsicht hohe Ansprüche an sich selbst zu stellen.

Während der letzten Tage der Epoche schauten wir uns die Veränderung des mensch­lichen Körpers im Laufe der Pubertät an. Das Erscheinen von Körperhaaren ist den meisten Kindern nun offensichtlich (der Lehrer vermeidet jedoch den direkten, persön­lichen Hinweis). Man kann an dieser Stelle darauf eingehen, dass die Haare am Körper stärker nachwachsen, wenn man sie rasiert, und dass das Rasieren weder hygienische noch medizinische Vorteile mit sich bringt. Die Kinder sollten das wissen, bevor sie den Forderungen der gängigen Mode folgen.

Als nächstes kann man über Wachstum sprechen. Wenn die Klasse sich in einer Jungen und einer Mädchenreihe aufstellt, fällt auf, dass die Jungen in der Regel etwas größer sind als die Mädchen. Ist dies genauso in der siebten Klasse nebenan? Nein, da sind die Mäd­chen größer. Der Grund dafür liegt darin, dass die Mädchen zwischen 11 und 13 einen Wachstumsschub haben und die Jungen zwischen 13 und 15. Die Körperform verändert sich auch. Während man bei Achtjährigen an der Silhouette den Unterschied zwischen Jungen und Mädchen noch nicht unbedingt feststellen kann, ist es beim Teenager anders: die »umgekehrten Dreiecke« von breiteren Schultern beim Jungen und breiteren Hüften beim Mädchen werden immer deutlicher.

An dieser Stelle kann man auf das Thema Busen näher eingehen. Die primäre Funktion der Brüste ist natürlich die Milchproduktion und somit die Ernährung des Nachwuchses. Viele Schüler sind erstaunt, dass die produzierte Milchmenge nicht von der Größe der Brust abhängig ist. Die Pflege des Busens ist wichtig, und hier ergibt sich die Gelegen­heit, die verschiedenen BH-Variationen anzusprechen. Ich habe hierauf ein wenig Zeit verwendet, weil es zurzeit Mode ist, mit Hilfe von Push-up-BHs so viel Dekolleté wie möglich zu zeigen.

Wir sprachen über die sekundäre Funktion des weiblichen Busens, die darin besteht, auf Männer attraktiv zu wirken, was sich im Lauf der Jahrhunderte immer wieder in der Mode zeigt. Welchen Eindruck weckt eine Frau, wenn sie ihren Busen wie auf einem Präsentierteller zur Schau stellt, so dass er das erste ist, was man von ihr sieht? Welches Bild hat sie von sich selbst und was will sie bei anderen (genauer gesagt bei Männern) er­reichen? In einer Zeit, als Frauen um jeden Preis einen Mann finden mussten, damit ihre finanzielle Versorgung gesichert war, waren möglicherweise keine Mittel zu drastisch, aber ist das bei einer modernen Frau noch zeitgemäß?

Man könnte einwenden, dass diese Art von Diskussion in der sechsten Klasse zu früh kommt, aber auf der anderen Seite werden die jungen Menschen tagtäglich über die Me­dien mit einer Welt konfrontiert, in der Frauen als Sexualobjekte porträtiert werden, und diese Einseitigkeit gilt es auszugleichen.

Ich fände es wichtig, dass den Kindern aus dieser Hauptunterrichtsepoche zwei Schlüs­selbegriffe im Gedächtnis blieben: Liebe und Respekt. Sexualität ist ein besonders schö­nes Geschenk, das man mit einem Menschen, den man liebt, teilt. Und je mehr »Tonlie­be« dabei vorhanden ist, umso schöner ist dieses Geschenk.

Um »Kieselliebe« zu vermeiden, müssen wir einerseits die Gefühle des geliebten Men­schen respektieren, andererseits auch auf unser Gewissen achten. Auf diese Weise können wir eine gesunde Sexualität entwickeln.

Kommentar
30.06.2018 | Ulla Paulus | Klassenlehrerin
Lieber Herr Saar, zum Glück bin ich bei der Vorbereitung der Epoche für Ende der 6.Kl. auf Ihren Beitrag gestoßen! Mit "Typisch Junge, typisch Mädchen" sind wir in den ersten Stunden eingestiegen. Mit der Frage" In welcher Epoche haben wir denn schon etws über Vermehrung, Fortpflanzung und Befruchtung gehört" kamen wir schnell auf die Pflanzenkunde. Die Beispiele aus dem Tierreich, die Sie beschreiben, boten die Gelegenheit, bestimmte Begriffe schon einzuführen (z.B. Sperma), ohne dass es schon persönlich wurde. "Das Kind im Mutterleib" stieß auf großes Interesse, auch da konnte ich schon Namen für die weiblichen Organe einführen. Als wir dann auf das Thema Menstruation kamen, waren auch die bisher eher Zurückhaltenden alle dabei. Drei Stunden lang hatten die SchülerInnen Fragen über Fragen und wir konnten über fruchtbare und unfruchtbare Tage, Schädigungen des Kindes durch Alkohol, Zigaretten und Drogen (worüber die SchülerInnen sehr erschrocken waren und auch weitergehende Fragen zu diesen Giften hatten) und vieles mehr sprechen. Ich hatte Binden und Tampons mitgebracht, wir probierten aus, wieviel Flüssigkeit sie aufnehmen können. Als einige merkten, dass niemand lacht, verwendeten sie auch die entsprechenden Wörter schon in ihren Fragen und Beiträgen. Es enstand eine ganz neue, offene Stimmung in der Klasse. Wir haben auch gemeinsam viel zu lachen gehabt, das lockerte alles auf. Inzwischen habe ich mir schon die Frage gestellt, ob die Eltern wohl solch eine Epoche gefordert hätten, wenn sie wüssten, wieviel Privates ich (und die Klasse) nun auch über sie erfahren habe (vom dicken Hinterteil der Mutter über Vorgänge während der Geburt bis hin zu im Familienauto gefundenen Kondomen). Jetzt sind noch der Geschlechtsverkehr und die männlichen Organe dran und ich denke, das können wir bei dem Vorlauf gut besprechen. In der 7. Klasse kommen dann zwei Mitarbeiter einer Familienberatung (Mann und Frau), so dass die SchülerInnen in getrennten Gruppen dann auch ganz persönlich Dinge fragen und besprechen könne, ohne Lehrer. Vielen Dank für Ihren Beitrag und meine dadurch so gut gelungene Epoche.
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