Partnerdiktate - Differenzierung

Ein Beitrag von Marcus Kraneburg (Klassenlehrer an der Freien Waldorfschule Freiburg St. Georgen)

Einleitende Gedanken

Ab einem gewissen Zeitpunkt der Schreibbefähigung sind zentrale Diktate für mindestens 60 % der Klasse unbefriedigend. Ein Drittel der Schülerinnen und Schüler sind mit jeder Sequenz viel zu schnell fertig und müssen sich ständig bremsen und das andere Drittel kommt in fortwährenden Stress, weil es eigentlich noch viel mehr Zeit bräuchte, um die behandelten Rechtschreibregeln wirklich anzuwenden. Bekommen sie die Zeit dafür nicht, so können sie sich das Diktat auch gleich sparen – mehr noch: Das Schreiben zementiert sich zum fortwährenden Frusterlebnis.

Auch für die Schülerinnen und Schüler ist klar: Jeder hat sein eigenes Tempo. Da gibt es schnellere und langsamere Schreiber. Drosselt man das Tempo für die ganze Klasse auf das Tempo der langsamen Schreiber, dann wird es für den überwiegenden Teil der Klasse auf Dauer zu Recht unerträglich – die langsamsten 2-3 Schülerinnen und Schüler kommen übrigens immer noch nicht mit. Für diese wäre es aber am wichtigsten!
 

Partnerdiktate

Aus diesem Grund habe ich in meiner letzten Epoche das Partnerdiktat eingeführt. Mit den Ergebnissen und dem Arbeitseifer innerhalb der Klasse bin ich überaus zufrieden. Wir haben leistungshomogene Paare gebildet, die wir wöchentlich wechselten. Ich wählte als Text das Märchen „Der Hase und der Igel“ aus und teilte es in 20 Diktateinheiten für insgesamt 4 Wochen ein. Der Schwierigkeitsgrad des Textes entsprach in etwa den bislang geübten Rechtschreibregeln, wobei es sich im Wesentlichen um lautgetreue Wörter handelte. Hier und da habe ich den Text entsprechend umformuliert. Wörter, die wir so noch nicht kannten wurden von mir unterstrichen und der schwierige Buchstabe zusätzlich fett markiert. (Hier können Sie sich meine Bearbeitung und Einteilung anschauen)

Für diesen Arbeitsteil setzten sich die Partner nebeneinander. Alle Kinder bekamen den Diktattext auf einem kleinen Zettel ausgeteilt. Zuerst lasen einzelne Kinder den Text Satz für Satz vor - dann durfte ein schneller Leser nochmals alle Zeilen zu Gehör bringen. Nun legten die Diktatpartner fest, wer von beiden zuerst diktiert und wer zuerst schreibt. Wichtig: Sie sollten sich so setzen, dass die Schreibhand des Schreibers den Text für den Diktierenden nicht verdeckt!

Nun ging es in einem eigens dafür ausgegebenen Epochenheft los. Wort für Wort oder in kleinen Sinnabschnitten – je nach Wunsch des Schreibenden – wurde nun leise diktiert. Bei den von mir unterstrichenen schwierigen Wörtern durfte geholfen werden. Der Diktierende hatte die Aufgabe, das Geschriebene Wort für Wort zu verfolgen und ggf. Fehler zu entdecken. Ein falsch geschriebenes Wort sollte der Diktierende unauffällig auf dem Diktatzettel unterstreichen.

Nach 7 Minuten gab ich das Zeichen zum Wechsel. Man schrieb das angefangene Wort zu Ende, tauschte den Platz wegen des Einblickes auf die Schreibhand und begann von vorne. Nach den zweiten 7 Minuten nahm jeder den Diktatzettel mit seinen unterstrichenen Fehlern an sich und korrigierte sie ebenfalls im Heft (unter dem diktierten Text). Anschließend wurde die Kopie darunter eingeklebt.

Die Länge des Textes war von mir so gewählt, dass selbst die schnellen Schreiber mit ihm nicht fertig wurden. Damit kam auch kein Wettstreit auf. Der Text musste zuhause auch nicht beendet werden.

Jeder übte in seinem Tempo – wer langsamer schrieb konnte aufgrund der Anzahl der Wörter auch nicht so viele Fehler machen. Trotzdem war jeder weiter ganz in der fortlaufenden Geschichte drin. Die meisten kannten das Märchen, was keinesfalls als langweilig empfunden wurde. Somit war der Text interessant, aber auch nicht so aufregend oder spannend, dass er von den Themen der Rechtschreibung ablenkte. Meines Erachtens ist eine fortlaufende Geschichte für Partnerdiktate sehr gut geeignet.

Die Schülerinnen und Schüler haben sich durch das Partnerdiktat auf vier Ebenen mit der Rechtschreibung intensiv beschäftigt:

  • Alle lesen zuerst gemeinsam den Text.
  • Jeder schreibt den Text.
  • Jeder verfolgt das Geschriebene des anderen und vergleicht.
  • Am Ende werden die eigenen Fehler korrigiert.

 

PS. Mit Einräumen und Ausräumen der Hefte dauert diese Schreibeinheit nicht mehr als 25 Minuten. Ich bin ein großer Verfechter des täglichen Übens – weshalb ich diese Einheit in meine letzte Rechenepoche integriert habe – zumindest solange wir an unserer Schule keinen Übstreifen im Stundenplan haben (siehe den Artikel: „Wir üben zu wenig, zu unsystematisch und nicht intensiv genug!“) Es ist also ein Kompromiss und nicht das Ideal.

Ich spare Zeit, indem ich mit dem 1. Klingeln um 7:55 Uhr die Tür schließe und sich die Kinder hinsetzen. Meistens beginnen wir dann ein kleines Gespräch und können um 8:00 Uhr beginnen. Mein Rhythmischer Teil ist im Sinne von Christoph Wiechert relativ kurz („Zur Frage der Dreiteiligkeit des Hauptunterrichts“). Mein Rhythmischer Teil bedient nicht Rezitation, Gesang und Flötenspiel an jedem Tag gleichermaßen, sondern zumeist nur ein künstlerisches Element. Anschließend folgt mein Übteil aus einer anderen Epoche wie z.B. die oben beschriebenen Partnerdiktate. Anschließend ruht das Rechtschreibthema wieder einen Monat, aber auch nicht länger :-)