Geschichte - Bewusstseinsgeschichte - ICH-Entwicklung

Aus: „Die Weltgeschichte und das Menschen-ICH" von Erich Gabert

Der folgende Text beleuchtet in schöner Weise die Entwicklungsaufgabe des Menschen-ICH von der Vergangenheit zur Gegenwart bis in die Zukunft hinein. Grundlage dazu bildet die anthroposophische Weltanschauung.

 

Altorientalische Kulturen

Auf der ersten Stufe, der altorientalischen, findet sich der Mensch völlig und ohne Unterlass von den gnadenvollen Kräften der Götter umfangen. Er weiß, dass sie es sind, die ihn in die besonderen Bedingungen seiner Ver­körperungen hineinführen, in seine jeweilige Heimatlandschaft, in seinen Volksstamm und seine Sippe. Er erlebt sich selbst noch kaum als Einzelmensch; viel stärker fühlt er wie träumend noch das ganze Leben all derer mit, mit denen er durch das gemeinsame Blut zusammengeschlossen ist; seien es die mitlebenden Sippengenossen oder seien es die schon dahingegan­genen Vorfahren, die Ahnen, die nun, herunterschauend, wieder bei den Göttern sind, mit denen sich aber jeder der jetzt auf der Erde Lebenden noch auf das Innigste und ganz konkret verbunden fühlt.

Denn die Ahnen haben ja, im Auftrage der Götter, alles und jedes ge­schaffen, was den Menschen jener Zeit so für uns Heutige unvorstellbar fest umschließt als das ganze Reich der eisern strengen, aber auch schützenden sozialen Lebensformen, von den hohen Gestaltungen der gemeinsam kulti­schen Götterverehrung an, über die strengen Normen von Sitte und Brauch, bis hin zu jeder Verrichtung und jedem Handgriff der Tagesarbeit.

Frevel und Hybris wäre es, aus diesem Umfangensein herauszustreben. Der vernichtende Zorn der Götter wäre die Strafe, so wie noch in der grie­chischen Urzeitsage Prometheus an den Kaukasus geschmiedet wird, weil er die Gebundenheit der Menschen auflösen und sie zu einer vorzeitigen Frei­heit führen wollte.

Aber der soziale Ring, in dem die Menschen leben, ist noch überaus eng geschlossen. Was außerhalb des eigenen Stammesbereiches existiert, was eine andere Sprache redet, ist minderwertig, ist Feind, ist eigentlich gar nicht richtiger Mensch.

Die Vorstellung «Menschheit» ist noch ungeboren, und auch die Emp­findung der Menschenliebe, der Liebe zu allen Menschen, hat noch nicht auf der Erde Fuß gefasst.

 

Wie ein Hineinträumen

In dem frühen Bilderbewusstsein der altorientalischen Stufe lebte der Mensch nicht in derselben Wachheit, wie er heute in seinen Gedanken lebt, sondern dumpfer und träumender. Wenn man eine Vergleichsmöglichkeit aus unserem heutigen Leben sucht, wird man allerdings nicht an das ja auch ganz bildhafte Träumen während des Schlafes denken dürfen, sondern eher daran, wie wir auch heute noch zu Zeiten im Wachen «träumen», etwa wenn wir uns in Erinnerungen und Phantasie ergehen, oder wie Kin­der vor sich hinträumen. Aber aus dem träumenden Leben in Bildern gab es damals nicht wie heute ein Erwachen in eine höhere Helligkeit und Wachheit, denn das Bilderbewusstsein war für den weitaus größten Teil der Bevölkerung zu jener Zeit ihr wachstes Bewusstsein überhaupt.

Nur wenn die Propheten, Seher und Eingeweihten ihre Götteroffen­barungen empfingen, so geschah dies auch damals schon in höheren Bewusst­seinsformen. Aber das waren Ausnahmezustände, und der Inhalt all solcher Offenbarungen, Eingebungen und Inspirationen konnte, wenn er dem Volke mitgeteilt werden sollte, von ihm nur in der Form des mehr traumhaften Erlebens mythologischer Bilder aufgenommen werden.

Auf dieser Bildhaftigkeit aber beruhte die damals vorhandene starke Ein­heitlichkeit, sowohl im Seelischen des einzelnen wie im Kulturleben im ganzen. Wie das Erleben der Bilder völlig von Gefühl und Willen durch­drungen war, so wirkten auch die Bilder ihrerseits wieder erwärmend, enthusiasmierend, zielsetzend auf Fühlen und Wollen zurück. Und nicht nur sprachen sich, wie ja auch später noch, Religion und Kunst in Bildern aus, sondern die Bilder waren in gleicher Weise auch auf dem Erkenntnisgebiet noch das durchaus angemessene, entsprechende und auch zureichende Ausdrucksmittel. Erkenntnis der Welt (Wissenschaft), Kunst und Religion lebten noch ungeschieden voneinander.

 

Griechisch-lateinisch-mittelalterliche Epoche

In diese Einheitlichkeit kommt mit dem Beginne der folgenden Bewusst­seinsstufe ein scharfer Riss hinein. Das sich zu immer größerer Klarheit und Schärfe ausbildende Begriffsdenken führt den Menschen zu einem um vieles helleren und wacheren Tagesbewusstsein. Aber dieses Denken arbeitet nicht nur zielstrebig darauf hin, seine Begriffe immer unbildlicher, immer sinnlichkeitsfreier werden zu lassen, sondern es ist geradezu selbst jene Kraft in der Seele, die durch logische Schärfe, durch kritisches Urteilen und Be­urteilen den alten Bildervorstellungen feindlich gegenübertritt und sie zurückzudrängen sucht. Dabei verschwindet das Leben in Bildern aber keineswegs ganz und gar aus der Seele, es zieht sich nur in deren Tiefe zurück; dort bildet es eine zweite, dumpfere Bewusstseinsschicht.

Die beiden Schichten aber haben die Tendenz, sich voneinander zu trennen. Das Verstandesleben wird nicht nur bildloser, sondern auch gefühls­leerer, «objektiver», weil sich vor allem das Gefühl, bis zu einem gewissen Grade aber auch der Wille vom Erkenntnisleben je länger, je mehr ab­schließen. Doch der Mensch muss in und aus beiden Schichten zugleich leben. Im Tagesoberbewusstsein, im klaren, kritischen, begrifflichen Den­ken erlebt er sich zwar in heller Wachheit, aber nur aus den unteren Schich­ten des Bewusstseins können ihm jene tieferen Kräfte zuströmen, die er zum wirklich vollen, menschlichen Leben braucht. Denn abstrakte Begriffe können niemals so wie Bilder das künstlerische und religiöse Leben befruch­ten; sie können es nur ausdorren. So kommt es, dass von nun an Kunst und Religion, weil sie sich auf das unterbewusste Seelenleben, auf die Gefühls- und Willenskräfte, auf das «Gemüt» stützen, mit dem Denken und Erkennen des wachen Tagesbewusstseins in einen Zwiespalt geraten, der je länger, je quälender wird, und der die künstlerischen und religiösen Kräfte mehr und mehr aufzuzehren und zu vernichten droht. Der «zwifel» des Parzifal ist in die Menschenseele und in das kulturelle Leben eingezogen, «daz muoz der sele werden sür».

Auf der zweiten Stufe, während der griechisch-lateinisch-mittelalterlichen Epoche, ist der Weg, der von der goldenen Zeit herkommt, jetzt auch im Sozialen endgültig bei einer eisernen angelangt. Das Verhältnis des Men­schen zu den Göttern und zu seiner menschlichen Umwelt wird überall zwie­spältig. Die menschentrennenden Kräfte des Verstandes und die menschenverbindenden des Gemütes wirken einander entgegen. Die letzteren befinden sich, auf das Ganze des Zeitalters gesehen, auf einer absteigenden Linie. Sie erleben allerdings durch das entstehende Christentum noch eine grandiose Neubelebung. Die schon gottfern gewordene und sozial zerfallende Welt der Antike wird auf Jahrhunderte hin noch einmal durchdrungen von einer be­seligenden Welle von Gotteserfülltheit und gläubiger Hingabekraft, die das ganze Abendland durchwärmt. Das Christentum, das an das geistige Wesen des Menschen appelliert, lässt, nach einigen Vorahnungen etwa bei den Stoi­kern, zum ersten Male die Idee des allgemeinen Menschentums hell aufleuchten, die Gleichwertigkeit der Menschen über alle irdischen Unter­schiede hinaus.

Freilich wird gerade in diesem Zeitraum auch der so stark die sozialen Verbundenheiten befruchtende Gedanke der Wiederverkörperung verhüllt. Schon in der Antike ist er nahezu verschwunden, und das Christentum, wie es sich durch das Mittelalter hindurch entwickelt, rechnet diese Idee zu den bösesten Ketzereien. Dieses Untertauchen des Wissens von der Wiederver­körperung war notwendig, damit der Mensch sich ganz als Erdenmensch fühle und frei werde, aber es hatte auch die Wirkung, ihn im langen Ver­laufe immer mehr zu isolieren.

In der Antike werden neben den engen Bluts- und Sippenzusammen­hängen, die freilich nur sehr langsam ihre Kraft verlieren, doch auch schon weiter ausgreifende Verbindungen wirksam. Dem Griechen gilt als voll­gültig nicht nur, wer derselben Stadt angehört wie er, sondern auch schon jeder, der «Hellene» ist und nicht «Barbar». Bei den Römern entscheidet auch hier das Juristische. Die Würde des civis romanus, die das Menschen­recht verleiht, ist unabhängig von Stand und Volkstum. Dass freilich Sklaven nicht im vollen Sinne Menschen sind, steht der ganzen Antike noch völlig außer Frage, und nachlebende Reste solcher Unfreiheit erhielten sich ja als Leibeigenschaft noch bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts.

Während des Mittelalters tritt dann immer mehr eine ständische Gebunden­heit in den Vordergrund, wie wir sie etwa in den Ritterbünden oder in den Zünften vor uns haben, die beide den Menschen von der Geburt bis zum Tode lückenlos umschlossen halten. Gerade aus dieser ständischen Gliede­rung heraus entspringen am Ende des Mittelalters jene skrupellosen Wirt­schaftstendenzen, die schließlich zum nackten, uneingeschränkten Konkur­renzkampf, zur brutalen Unterdrückung des Schwächeren führen, sei es, dass im Kapitalismus die schwächeren Volksschichten unterjocht werden, seien es im Kolonialismus die schwächeren Völker, besonders die farbigen. Der Gegen­schlag sind soziale Revolutionen und Kriege von wachsender Furchtbarkeit. Im Maschinen- und Fabrikzeitalter kommt es vollends zu jener Atomisierung und gleichzeitig Vermassung der Menschen, vor der wir heute stehen. Die Gefahr wächst erschreckend, dass der lebendige Herzenszusammenhang zum Mitmenschen darin ebenso erstickt werde wie das Erleben des eigenen Ich-Wesens.

 

Heutige Zeit

Heute aber stehen wir mit unserer eigenen Epoche in den Anfängen der Entwickelung zu einem um noch einmal einen Grad höheren und helleren Bewusstsein, das das Verstandesdenken wieder um soviel an Klarheit und Wachheit übertreffen wird, wie dieses seiner Zeit das alte Bilderbewusstsein übertraf. Die Entwickelung geht gleichsam auf einen überwachen Zustand des Menschen hin. Sie geht also in der Richtung zunehmender Helligkeit und Wachheit des Bewusstseins geradlinig weiter. Aber in bezug auf den zweiten Hauptunterschied gegenüber den beiden vorangegangenen Stufen, in bezug auf die eingetretene Zwiespältigkeit des Seelenlebens ist das Gegen­teil der Fall.

Wie wenn der Wanderer auf einem in riesigen, weitgespannten Spiralen verlaufenden Wege in eine Landschaft kommt, die einer früher schon ein­mal durchschrittenen ähnlich ist, nur liegt der jetzige Weg um eine Spiral­windung höher, so nähert sich der neue, «Überdenkerische» Bewusstseins­zustand wieder dem Bildhaften. Aber es ist nicht die alte, vorbegriffliche, passive Bildhaftigkeit, sondern es sind die Begriffe selbst, die in aktiver innerer Arbeit, durch die «Schulung», immer mehr gesteigert, belebt, durchblutet werden, bis sie in innere Bewegung kommen und ins Bildhafte übergehen. Diese neuen Bilder sind deshalb nicht mehr dumpf und traum­haft wie die der alten Stufen, wohl aber können sie wie jene wieder einen gesunden, lebendigen Zusammenhang gewinnen zum Gefühls- und Willensleben. Die tieferen, weniger bewussten Schichten der Seele werden von dem inneren Leben der neuen Erkenntnisbilder, der Imaginationen, mitergriffen, werden zu höherer Bewusstheit emporgehoben, werden geklärt und auf­gehellt. Was es bisher nur im Denken geben konnte, eine innere unum­stößliche Gewissheit und Sicherheit, das entsteht jetzt auch für die Gemüts­- und Gefühlserlebnisse. Neben der größer werdenden Erkenntnissicherheit erlebt der Mensch in Klarheit eine beginnende, wirkliche «Herzenssicher­heit». Er fühlt, wie sein Seelenleben wieder der Einheitlichkeit zustrebt, wie der «zwifel» nach und nach überwunden wird.

Und wie die alten Bilder der frühesten Stufen, so wirken auch die neuen wieder belebend, befruchtend, bereichernd auf das künstlerische und reli­giöse Leben. Eine neue, höhere Einheitlichkeit in einem lebendigen, pro­duktiven Zusammenwirken von Erkenntnis, Kunst und Religion beginnt sich abzuzeichnen.

Auf der dritten Stufe müssen wir durch Geisterkenntnis lernen, die Wege zu unseren Mitmenschen wieder neu zu finden, und wir müssen lernen, neue, freie Formen der menschlichen Verbundenheit und des sozialen Verhaltens zu schaffen.

Diese neuen Formen werden, das lässt sich heute aus ihren, wenn auch noch so keimhaften Anfängen doch schon erkennen, in einem eigenartigen Verhältnis stehen zu denen, die in der ältesten Zeit herrschten. Es wird teils ein Verhältnis der Ähnlichkeit, teils aber eines des Gegensatzes, ja geradezu der Umkehrung sein. In der Urzeit fand sich der Mensch, wenn er nicht An­gehöriger der Mysterien war, wohltätig, aber passiv getragen von den bio­logischen Gestaltungen Sippe, Stamm und Volk. Das durfte so nicht auf die Dauer bestehen bleiben. Der Mensch sollte nicht nur ihr passives Glied sein. Er sollte selbständig werden.

Die Kraft in ihm, aus der er die neuen Sozialverbände wird aufbauen müssen, ist aber durchaus keine andere als diejenige, die die alten Bindungen auflöste. Es ist die wachsende Bewusstseinskraft des Menschen, das wach­sende Bewusstsein seines individuellen Geistwesens. In der Frühzeit war die soziale Gruppe das Primäre; sie prägte und erhielt den einzelnen. Sie gab ihm, gleichsam von außen auf ihn wirkend, die Kraft zu seiner Weiterentwickelung. Heute hat sich die Wirkensrichtung umgekehrt. Die gemein­schaftsbildende Kraft muss von innen her kommen, aus jedem einzelnen menschlichen Ich muss die Liebefähigkeit ausstrahlen, die die neuen Men­schenverbindungen entstehen lässt.

Das kann sicherlich nicht heißen, dass der Mensch diese neuen sozialen Gemeinschaften ganz von sich allein zu schaffen vermöchte. Die Götter müssen schon auch noch ihre Hand im Spiele haben. Aber allein können wiederum auch sie das Ziel nicht erreichen; ohne das bewusste Mittun des Menschen kann es nicht gelingen.

Freilich muss hier in aller Deutlichkeit eines gesehen und gesagt werden: gerade heute in unserem Jahrhundert ist von Erreichbarkeit solcher sozialer Ziele in größerem Maß noch erschreckend wenig wahrzunehmen. Es drängt sich gar zu sehr der Eindruck auf, als wolle das genaue Gegenbild eintreten von dem, was in Wahrheit nötig ist, ja, als könnte die Isolierung unabänder­lich nur stärker und stärker werden.

Das ganz auf die eigene Bewusstheit und Verantwortung Gestelltsein - und das soll und wird in der Zukunft noch immer stärker werden - scheint zunächst zu nichts anderem führen zu können als zu einem schrankenlosen Individualismus und Egoismus. Soviel ist sicher, dass gerade in derselben Zeit, in der sich das neuzeitliche, naturwissenschaftlich orientierte Denken entfaltete, die alten sozialen Verbindungen aufgelöst wurden, und zwar auf eine immer gewaltsamere Art. Das Wort «Revolution», einst ein grauen­erregendes Schreckgespenst, ist heute ein Ruhmestitel geworden.

Anfangs wurden die Kämpfe um die Befreiung des Individuums aus der mittelalterlichen Gebundenheit vor allem von Menschen getragen, die sich aus der Not und Kraft ihrer Persönlichkeit einen neuen Weg zum Geistig-Göttlichen bahnen wollten; die weitaus meisten dieser Neuerer, Umstürzler, Ketzer, Reformatoren waren im Innersten Gottsucher. Aber im Gang der Jahrhunderte ist diese Bewegung veräußerlicht und ins Materialistische, ins nur Zerstörende abgeglitten. Statt in den alten Bindungen steht jetzt der Mensch in der Vereinsamung. Auch jeder, der heute den geisteswissenschaft­lichen Erkenntnis- und Übungsweg gehen will, findet sich, weil nur auf sich selbst gestellt, im letzten Grunde dabei allein. Denn die Anthroposophie zeigt nicht einen einzigen und für schlechterdings alle Menschen gültigen Weg, sondern aus ihren Hinweisen, Ratschlägen und Hilfen muss doch jeder selbst das gerade seinem Wesen Entsprechende und Zugehörige herausfinden, je nach Temperament, Begabung, Charakter. Deshalb gibt es letztlich ge­nau soviele verschiedene Wege, wie es verschiedene Menschen gibt. Jeder sieht sich auf seine eigene Verantwortlichkeit und Entscheidung zurück­gewiesen. Christian Morgenstern hat das ausgesprochen in den Anfangs­zeilen eines Gedichtes aus der Sammlung «Wir fanden einen Pfad»:

 

Die zur Wahrheit wandern,
wandern allein,
keiner kann dem andern
Wegbruder sein.

 

Aber - und dadurch ändert sich das Bild radikal - das gilt genau genom­men nur für den Anfang des Weges. Weil die geistige Welt für alle Men­schen ein und dieselbe ist, muss jeder individuell begonnene und begangene Weg, so groß die Unterschiede, ja Dissonanzen auch eine Strecke weit sein mögen, im weiteren Verfolg durch die Stärkung der geistigen Ich-Kräfte doch zum Zusammenklingen und zum harmonischen Miteinander führen. Wenn der Mensch versteht, wie ihm die Aufgabe gestellt ist, mitzuarbeiten, mitzulernen, mitzukämpfen, dann ist er von diesem Augenblick an nicht mehr allein. So kann gerade das individuelle Erkenntnissuchen zuletzt menschliche Verbundenheit aus sich heraus gebären.

Allerdings sind die Menschenzusammenhänge, die so entstehen wollen, von ganz neuer, bisher nie gekannter Art. Im Unterschied zu der Wirkensweise der auf göttliche Inspirationen begründeten, autoritativ geleiteten, alten Verbände sind die Ratschläge und Mitteilungen der Geisteswissen­schaft an keine persönliche oder institutionelle Autorität mehr gebunden. Der Mensch kann ihnen in voller Freiheit gegenüberstehen.

Damit kommt im sozialen Leben etwas in Wegfall, was allen bisherigen Kulturzusammenhängen die Prägung gab und was in überständigen Resten noch bis in die Gegenwart nachlebt. Das ist die scharfe Trennung der Men­schen in Führende und Geführte, in wissende, erleuchtete Träger der Offen­barung, die allein zur Leitung berufen sind, und in dumpf-passive, der Lenkung bedürftige Massen. Dieser Unterschied kann und muss von jetzt ab verschwinden. Denn die Fähigkeit, zu eigener, geistiger Erkenntnis zu kommen - ob jetzt oder in einer künftigen Verkörperung - beruht einzig und allein auf der Tatsache, dass einer ein Mensch ist. Daneben verblassen sämtliche Unterschiede von Rasse, Stand und Bildung bis zur Wesenlosigkeit. Vor dem Geiste, vor Gott sind alle Menschen gleich.

Keineswegs gleich ist selbstverständlich der Grad, bis zu welchem im ein­zelnen Menschen die Fähigkeiten des eigenen, aktiven Geistsuchens heute schon aufwachen und tätig werden können. Da bestehen durchaus Unter­schiede wie eh und je. Es sind aber nicht, wie man früher meinte, absolute Wesensunterschiede zwischen den Menschen, sondern es sind nur relative Unterschiede je nach ihrer derzeitigen Entwickelungsstufe. Sie erscheinen genau so lange als absolut, wie mit nur einmaligen Erdenverkörperungen ge­rechnet wird. Vom Gesichtspunkt der Reinkarnation aus gesehen wird ihr relativer Charakter sogleich deutlich. Denn im langen Gang der Verkörpe­rungen kann sich das Zeitmaß des Fortschreitens und damit auch der Unter­schied der Entwickelungshöhe durchaus ändern. Jetzt Geführte können im kommenden Erdenleben zu Führenden werden und umgekehrt.

Eines aber gilt für alle Menschen, auf welcher Stufe sie auch zurzeit stehen mögen: sie sind alle miteinander verbunden und aufeinander an­gewiesen. Denn die Kräfte des geistigen Fortschreitens, diese Ich-Kräfte, die letzthin Liebeskräfte sind, können sich nicht wirklich und richtig entfalten, wenn der Mensch nur für sich allein nach seiner Vollkommenheit strebt. Sondern es liegt in ihrem Wesen, dass jeder des Mitmenschen bedarf, der Vorausschreitende nicht weniger als der ihm in Freiheit Nachfolgende. Die eigene Fortentwickelung ist vom Hilfeleisten an die anderen nicht zu trennen. Beides ist sogar im letzten Grunde eines und dasselbe.

Wenn das erkannt wird, erklärt sich das scheinbar Paradoxe, dass sich gerade aus dem zuerst isolierenden individuellen Erkenntnis- und Entwickelungswillen ein auf das mannigfachste abgestufter und in sich verschlunge­ner sozialer Zusammenhang herausgebären kann, ein Zusammenhang der gegenseitigen Hilfeleistung und Liebe. Je kraftvoller die Bemühungen des einzelnen werden, desto besser und sinnvoller kann er als freier Mensch seine individuelle Aufgabe in die Zusammenhänge der neben ihm Strebenden ein­gliedern, desto machtvoller wird zuletzt die menschliche Verbundenheit, in der sich alle zusammenfinden.

Wo aber einer versagt oder sich egoistisch ausschließt, was ja gewiss mög­lich ist, da entsteht eine unausfüllbare Lücke und eine schmerzende Wunde. Da fehlt dann etwas, was nur dieser eine und niemand anderer zum Ganzen hätte beitragen können. Zu je höheren Stufen aber ein Mensch im Gange einer Verkörperung aufsteigt, desto enger und verantwortungsvoller fühlt er sich zusammengehörig mit all denen, mit denen er je in früheren Inkar­nationen schicksalsmäßig verbunden war. Ja, der Ring wird noch um vieles umfassender und realer: Je größer, menschlicher, liebender ein Mensch wird, um so größer, reicher und vollkommener macht er auch das Ganze, das heißt die Gesamtheit der miteinander durch die Reihe ihrer Verkörperungen gehenden Menschen oder die «Menschheit». Von hier aus gesehen, wird dieser in allen Jahrhunderten doch immer noch blass und verschwommen gebliebene Begriff der Menschheit erst voll konkret und real, als etwas, was nicht etwa schon tatsächlich «da» ist, was sich aber im Zusammenwirken aller Menschen immer höher und höher ausbilden, was «werden» kann.

Noch einmal: beim Fassen des Entschlusses, ob er sich auf den Erkenntnis­weg begeben will oder nicht, findet sich jeder Mensch in der tiefsten Ein­samkeit und auf nichts als nur auf sich selbst angewiesen. Aber je mehr ihm im Verlauf des Weges die Wesenhaftigkeit des Geistigen aufgeht, desto mehr erlebt er sich auch als mit dem geistigen Wesen seines Mitmenschen - der «Nächste» heißt er im Evangelium, «Wegbruder» bei Christian Morgen­stern - wieder ebenso innig, sogar noch viel inniger verbunden als je in den alten Zeiten des Sippenzusammenhanges. Denn jetzt wirken nicht die klei­nen, engen Verbundenheiten des Leiblichen und des Blutes, jetzt sind es die großen des Geistes und der Liebe. Der Mensch lernt als in und aus der Men­schengemeinschaft Handelnder den rechten, gerade ihm zugewiesenen Ort zu finden in den Chören all der Menschen, die, mit ihm durch die Erdengeschichte gehend, den hohen Menschheitszielen zustreben. Er erlebt das, womit Christian Morgenstern jenes Gedicht schließen lässt:

 

. . . und ihn grüßt Geschwister
Ewiger Bund.