Dieser König mengte sich in alles

Eines Tages ließ er seinen Kabinettsekretär Thulemeier ins Schloss kommen - er versäumte nicht, ihm einzuschärfen, dass er ein gutes, starkes Papier und einen »schwarzen, mit Silber melierten Heftfaden« mitbringen solle - und begann zu diktieren. Er diktierte einige Tage, bis eine »General-Instruktion« für seine Beamten fertig war. Was regelte sie? Sie regelte alles! So z.B., dass alle Sitzun­gen im Sommer um 7 Uhr, im Winter um 8 Uhr beginnen sol­len, und wer um eine Stunde zu spät kommt, hat 100 Dukaten zu bezahlen. Ein Minister oder Rat, der eine Sitzung versäumt, verliert sein Gehalt auf sechs Monate; wiederholt sich der Vor­fall, so wird er mit Schande entlassen, »denn wir bezahlen da­vor, dass sie arbeiten sollen«. Wie lange dauern die Sitzungen? Sehr einfach: bis alles erledigt ist. Ist die Sitzung bis z Uhr nicht beendet, so darf die Hälfte der Räte essen gehen, die andere Hälfte arbeitet weiter und isst, wenn die anderen fertig sind. Auch das Essen für solche Gelegenheiten ist genau vorgeschrie­ben: »Zur Aufwartung soll jederzeit nur ein Lakai sein, damit die Stube nicht mit Lakaien angefüllt werde, zu dem Ende je­dem gleich vier Teller nebst einem Glas vorgesetzt werden soll und muss zugleich ein großer Korb vorhanden sein, darein das unreine Geschirr gesetzt werden könne.«

35 Kapitel, 297 Paragraphen: alles vom König entworfen; jetzt wusste jeder Minister, jeder Torschreiber und jeder Polizei­büttel, was er zu tun hatte. Vorbei war es mit allen arbeitslosen Sinekuren, mit allen unnötigen Dienstreisen, mit jedem Neben­erwerb, mit allen Naturalbezügen. Visitationsreisen sind befoh­len, aber die Herren Kammerpräsidenten müssen leichte Jagd­wagen benützen, damit sie die aufgebotenen Bauernpferde nicht überanstrengen; selbst das Tempo wird ihnen vorgeschrieben, und zur Zeit der Feldbestellung und der Ernte dürfen sie die Bauern nicht behelligen. In Pommern sollen keine pommerschen, in der Mark keine märkischen, in Cleve keine cleveschen Beamten arbeiten. Jede Behörde soll Spione unterhalten, damit sie über alles Bescheid wisse. Alle Ernennungen dürfen nur noch durch den König und die Minister erfolgen; wer jemanden empfiehlt, haftet für den Empfohlenen. Das Wort »verantwort­lich« kommt in der General-Instruktion ein paar dutzendmal vor. Damit es niemand missverstehe, malt der König daneben einen Galgen an den Rand.

Die General-Instruktion ist nicht die einzige Vorschrift. Der König regelt, wie die Äcker zu pflügen und das Getreide zu dreschen seien, wie man Dämme aufzuschütten und Wölfe zu jagen habe. Er beschäftigt sich mit Raupennestern und Fisch­sterben, mit der Beschaffung von Gärtnern und Müllerbur­schen, mit dem Hebammenwesen, den Laternenanzündern und den Wollfabrikanten, und alles behandelt er mit Gründlichkeit und Nachdruck: wer rohe Wolle ausführt, baumelt am Galgen; denn nur wenn sie vor der Ausfuhr verarbeitet ist, bringt sie dem Lande hinreichenden Nutzen. Die Marktfrauen dürfen nicht müßig sitzen, sondern müssen Strümpfe stricken, und wenn ein Prediger mehr als eine Stunde predigt, hat er zwei Taler zu zahlen. Den Geistlichen unter 40 Jahren wird jede Rhetorik verboten; die älteren seien unverbesserlich. Aber er regiert nicht nur durch Gesetze, er regiert auch persönlich. Wenn er in einem Haus Lärm hört, dringt er ein und zwingt die zankenden Eheleute, sich zu küssen. Faulenzende Bauarbeiter verprügelt er eigenhändig, verschwenderische Seidenröcke reißt er den Frauenzimmern auf der Straße selbst vom Leibe, Kegel­spieler jagt er auseinander, und niemand - Offiziere ausgenom­men - ist vor seinem Stock sicher. Kein Wunder, dass das Volk, wenn es ihn kommen sieht, davonläuft, wie wenn ein Tiger aus einer Menagerie ausgebrochen wäre. Einmal jagt der König auf seinen gichtischen Beinen hinter einem ausreißenden Schacher­juden her und fragt ihn, warum er denn davonlaufe. »Weil ich mich fercht«, antwortet der Arme. »Lieben sollt ihr mich, ihr Kanaillen!« brüllt der König, und ein Hagel von Stockschlägen belehrt den Unglücklichen, dass er es mit einem liebevollen Lan­desvater zu tun hat. Wie alle Leute seines Schlages hält er sich selbst für ein Lamm, weil er über der Weichheit seines Herzens die Zornesstürme seines Handelns vergisst: »Gott weiß, dass ich gar zu tranquill (ruhig) bin; wenn ich mehr cholerisch wäre, ich glaube, es würde besser sein.«

Aber die Kraft des Königs verzettelt sich nicht etwa: er grün­det in Preußisch-Litauen zwei Dutzend Städte, er zieht 20 000 Siedler ins Land, er schützt planmäßig die Bauern, er entwässert Moore, er speichert Getreide in guten Zeiten und verkauft es in schlechten, und wo es in irgendeinem Gewerbe an geschickten Meistern fehlt, lässt er sie im Ausland anwerben. »Menschen halte ich für den größten Reichtum«, versichert er seinem Sohn.

Es war eine sehr einfache Staatsphilosophie, die diesen bruta­len Volksbeglücker erfüllte. Sie floss aus zwei Quellen: aus sei­nem Machtstreben und aus seiner Frömmigkeit. Preußen musste mächtig sein; um mächtig zu sein, musste es ein großes Heer haben, und um ein großes Heer halten zu können, musste es über hohe Einkünfte verfügen. Hohe Einkünfte konnte man nur aus wohlhabenden Bürgern herausholen, also musste der König den Wohlstand des Landes fördern. Und da auch die Bibel vorschrieb, dass der König für das Glück seiner Unterta­nen sorgen müsse, so arbeitete der seltsame Mensch unermüd­lich und verbissen für das Wohl seines Landes.