Das Meer musste man gnädig stimmen

Stürme

Das Meer ist lau­nenhaft, unberechenbar und damit gefährlich. Eben noch von spiegelglatter Ober­fläche, beginnt es sich bei auffrischendem Wind rasch zu kräuseln. Schon sieht man die ersten Schaumkronen, die auf den Wellen hüpften, und binnen kurzem ist es mit der Ruhe vorbei: Tosend und schäumend schmettern die Wogen gewaltige Wasser­massen gegen das Schiff, hoch sprüht die Gischt an der felsigen Küste, schwere Brecher ergießen ihre dunkelblau-grüne, mit wei­ßen Strudeln durchsetzte Last über alles, was sich ihnen in den Weg stellt. Wie von einem riesigen, unsichtbaren Fächer angetrieben, rasen Stürme über die See und peitschen die Wellen weiter auf. Aus schwarzen Gewitterwolken stürzen Regenmassen hernieder und verbinden sich mit den salzigen Fluten des Ozeans zu einem undurchdringlichen Wasservorhang, durch den man kaum noch etwas erkennt. Und dann - ebenso plötzlich, wie sich Sturm und Meer zu einer dampfenden, wilden Finsternis verbündet hatten, kann ihre Kraft erlahmen. Die Sonne bricht wieder durch die Wol­ken, die Wellen beruhigen sich, der Wind ebbt ab. Ein friedliches Bild - und doch trauten die Seeleute ihm nicht.

 

Langandauernde Windstille

Die andere Schreckensvision neben der vom Sturm aufgewühl­ten See war für die griechischen Seefahrer die langandauernde Windstille. Mitten auf der Weite des Meeres in eine Flaute zu geraten, die die Segel des Schiffes schlaff herabfallen ließ - auch das konnte gefährlich werden, wenn Lebensmittelvorräte und vor allem Trink­wasser auszugehen drohten. Da half auch, wenn man weit vom ret­tenden Land entfernt war, kein kräftiges Rudern, sondern nur die Hoffnung, dass sich das Wetter änderte.

 

Das Meer musste man gnädig stimmen

In jedem Fall, das wussten alle, die sich jemals mit dem Meer und den Mächten, die es beherrschten, eingelassen hatten: Der Mensch war von ihnen voll­kommen abhängig, er fühlte sich ihrem Wollen und Wirken auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Das einzige, was man aktiv tun konnte, war der Versuch, diese bedrohlichen Mächte gnädig zu stim­men, sie um Schonung und Hilfe zu bitten.