Gesichtspunkte für das Verfassen von Zeugnissen

Klassenlehrerzeugnisse und konkrete Beispiele

Ein Beitrag von Christina Singer (Klassenlehrerin an der Freien Waldorfschule Freiburg St. Georgen)

Zeugnisse an Waldorfschulen unterscheiden sich grundlegend von Zeugnissen der Regelschule. Auch wenn sich die schulischen Leistungen der SchülerInnen an allgemeinen Leistungsanforderungen orientieren, liegt der Schwerpunkt im Waldorfunterricht, vor allem in der Unter- und Mittelstufe, auf einer differenzierten Wahrnehmung der individuellen Schülerpersönlichkeit. Diese gibt die Richtung an, in der der Schüler / die Schülerin gefordert und gefördert werden kann. In diesem Sinne soll das Zeugnis Entwicklungsbericht und Entwicklungsausblick sein. (Vgl. hierzu auch Allgemeine Gedanken zum Zeugnisschreiben).

Wie kann ein solches Zeugnis aussehen?

 

Die Sprache

Es versteht sich von selbst, dass standardisierte Textbausteine einem solchen Entwicklungsbericht schwerlich gerecht werden können. Eigene Formulierungen sind also gefragt. Das Ringen um das richtige Wort, den passenden Ausdruck, die angemessene Formulierung intensiviert oft zusätzlich die Auseinandersetzung mit dem zu beschreibenden Schüler / der Schülerin.

Dennoch muss nicht jedes Zeugnis komplett neu formuliert werden. Eine kurze Beschreibung des Lerninhaltes der verschiedenen Fächer oder Bereiche kann einmal verfasst und dann durch die individuelle Beschreibung ergänzt werden (vgl. Zeugnis von Jonathan, 7. Klasse).

Ein besonders lebendiges Bild entsteht, wenn, wo möglich, Verben statt Nomen verwendet werden: „Ihre Hefte bestechen durch Übersichtlichkeit und künstlerische Gestaltung“ – „Jana führte ihre Hefte übersichtlich und gestaltete sie künstlerisch“. Das Präsens als Zeitform macht den Text ebenfalls lebendig.

 

Die Struktur

Die Struktur eines Zeugnisses kann sich an der Chronologie des Hauptunterrichts orientieren: man beginnt mit der Beschreibung des Kindes beim Betreten des Klassenzimmers und endet damit, wie sich das Kind beim Erzählteil verhält – bei kleineren SchülerInnen kann es interessant sein, auch noch das Spielverhalten in der Pause zu schildern. Dazwischen liegen Rhythmischer Teil und die verschiedenen Fächer des Hauptteils. Sozialverhalten, Arbeitsverhalten und allgemeine Beobachtungen können eigene Absätze bilden oder lassen sich zwischendurch einfügen. Das Zeugnis kann mit einem zusammenfassenden Satz und einem Ausblick oder auch einem Wunsch an das Kind für das nächste Schuljahr enden.

Es ist gut, sich vorab eine generelle Grundstruktur für alle Zeugnisse zu überlegen. Sie hilft, zügig ins Schreiben hineinzufinden. Davon abzuweichen, ist ja jederzeit möglich. Im Idealfall entsteht ein kleines Kunstwerk: ein Text aus anschaulichen Beispielen, die sich um ein Entwicklungsmotiv als den roten Faden ranken.

 

Der Umfang

In der Kürze liegt die Würze: für die verschiedenen Eigenschaften und Verhaltensweisen des Kindes müssen nicht viele Beispiele gebracht werden. Das meiste wird schon im Eltern-Lehrer-Gespräch bewegt worden sein – das Zeugnis darf zusammenfassen.

Von Schüler zu Schülerin wird die Länge des Zeugnisses variieren. Nicht eine ermüdende Aneinanderreihung einzelner Beobachtungen und Leistungsbeschreibungen sondern ein harmonisches Ganzes soll es sein – maximal eine DIN A 4-Seite lang. Interessanterweise ist das schon immer die Höchstgrenze gewesen, auch in der Zeit, als diese Zeugnisse noch von Hand geschrieben wurden. Man kann in diesen „alten“ Zeugnissen beobachten, wie stark dort auf das Wesentliche verdichtet wurde (vgl. Zeugnis von Mareike, 4. Klasse).

 

Der Inhalt

Schulische Leistungen einerseits und individuelle Entwicklung andererseits sind die beiden großen Bereiche der Klassenlehrerzeugnisse, die sich überschneiden und bedingen.

Der Abgleich mit dem Erwartungshorizont: „Das Erlernen des Alphabets in großen Druckbuchstaben war Inhalt der Schreibepochen. In Wörtern und kurzen Sätzen fand das Gelernte Anwendung. Eine erste Lesefibel regte zum Mitlesen an. Sophia ist in der Laut-Buchstaben-Zuordnung sicher und schreibt selbständig lautgetreue Wörter mit den Buchstabenkarten. Den bekannten Texten konnte sie lesend folgen, unbekannte Wörter und Texte liest sie stockend. Die Hausaufgaben hatte sie meistens zufriedenstellend gemacht. Die Hefte sind übersichtlich, wenn auch wenig sorgfältig gestaltet.“

Die Wesensbegegnung: Gerade wenn ein Schüler nicht den Erwartungen an Lernerfolg und Sozialverhalten entspricht und dazu noch viel Aufmerksamkeit einfordert, ist es besonders schwer und besonders wichtig, nicht zu bewerten, sondern in einer fragenden Haltung die Beobachtungen klar zu benennen. Oft wollen und brauchen diese Schüler etwas anderes, als der angebotene Unterricht oder auch einfach nur mehr Zeit. Was es genau ist, offenbart sich am ehesten, wenn die eigenen Ansprüche ganz in den Hintergrund treten. „Florian wirkt oft in Eile, fast gehetzt. Er hat eine sehr hohe Körperspannung. Er lebt stark in seiner Umgebung und sucht sowohl bei seinen Freunden als auch bei der Klassenlehrerin ständig nach Bestätigung. Dies führt zu Unterrichtsstörungen. Wie hoch ist Florians Selbstvertrauen? Ich wünsche ihm, dass er lernt, sich selbst mehr wertzuschätzen und auf sich zu vertrauen.“

 

Die folgenden Zeugnisse stammen von unterschiedlichen Klassenlehrerinnen / Klassenlehrern. Die Namen der Schüler wurden verändert.

Zeugnis einer 1. Klasse

Beim allmorgendlichen Begrüßen an der Klassenzimmertüre begegnet Marvin seiner Klassenlehrerin mit einem freundlich-zurückhaltenden Lächeln. Ergibt sich ein kurzes Einzelgespräch, öffnet sich Marvin und erzählt freudig. Betritt er anschließend den Klassenraum, wirkt er ein wenig orientierungslos – zu vielseitig sind die Spielmöglichkeiten, zu zahlreich die Klassenkameraden.

Beginnt der Unterricht, dauert es eine Weile, bis Marvin sich gesammelt hat. Helfen kann dabei eine kleine Geschichte, die ihn in ihren Bann zieht. Auch den Märchen am Ende des Unterrichts lauscht er konzentriert. Die Buchstabengeschichten nimmt er aufmerksam auf. In der Laut-Buchstaben-Zuordnung kann er noch sicherer werden. Das Rechnen macht ihm große Freude, obwohl es ihm nicht leicht fällt, einen Bezug zu Zahlen, Mengen und den verschiedenen Grundrechenarten herzustellen. Den Unsicherheiten im Schreiben, vor allem aber im Rechnen durch verschiedene Körper-, Koordinations- und Raumübungen entgegenzuwirken, fällt Marvin nicht leicht. Allem gemeinsamen, rhythmischen, bewegungsintensiven Tun gegenüber verhält er sich bisher sehr zurückhaltend, traut sich wenig zu und lässt sich leicht von Klassenkameraden ablenken. So wirkt er auch beim Morgenkreis mit seinen Liedern, Sprüchen und den dazugehörigen Bewegungen körperlich schlaff und verunsichert.

Obwohl sich Marvin bei der Heftarbeit Mühe gibt, wirken seine Einträge teilweise unsicher und flüchtig. Zart ist sein Strich beim Malen, Schreiben oder auch beim Formenzeichnen. Dort zeigt er ein gutes Formempfinden und es entstehen viele schöne, harmonische Formen. Beim Wasserfarbenmalen lässt Marvin mit Feingefühl Formen und Farben entstehen, darf aber noch mehr auf Helligkeitsabstufungen innerhalb einer Farbe achten.

Marvin ist ein guter Beobachter und Vorausdenker. Das hindert ihn allerdings oftmals daran, auf den Unterricht und seine Mitmenschen unbefangen zuzugehen. So hört er beim Erzählen von eigenen Erlebnissen lieber den anderen zu, als selbst etwas beizutragen. Eine große Herausforderung im sozialen Bereich ist der Morgenkreis (s. o.). Gegenüber den Fangspielen in der großen Pause zeigt sich Marvin ängstlich, obwohl er ein bewegungsfreudiges Kind ist – zu groß ist das Risiko, hinzufallen und sich weh zu tun!

Aufforderungen durch die Lehrerin lösen bei Marvin oft einen verschlossenen Gesichtsausdruck aus, anstatt zu ermutigen. Auf alltägliche Ermahnungen, das Reden einzustellen oder auf seinen Platz zu gehen, reagiert er zunehmend trotzig, scheinbar ohne zu realisieren, dass von ihm lediglich ein Mindestmaß an unterrichtsorganisatorisch unerlässlichem Verhalten gefordert wird.

Für das zweite Schuljahr wünsche ich Marvin, dass sich das Vertrauen in sich selbst, in seine Mitmenschen und in die ihn umgebende Welt nach und nach festigt. Möge er lernen, zunehmend bei sich zu sein und das gemeinsame Tun nicht als Druck, sondern als vielseitige Bereicherung zu empfinden.

 

Zeugnis einer 4. Klasse

Mareike hat mit unverminderter Energie das Jahr über gearbeitet und alles intensiv erlebt, so dass ihre Gedanken auch in Gedichten ihren Niederschlag fanden. Sie hat ihre Aufsätze sprachlich überdurchschnittlich gut formuliert und auch die Rechtschreibung war ganz sicher. Ihre Hefte sind mit schönen Bildern gestaltet, die den sauber geschriebenen Texten entsprechen. Im Rechnen hat sie gerne freiwillige Aufgaben gemacht und sich selber Textaufgaben ersonnen; das alles zeigt ihre volle Sicherheit. In der Menschen- und Tierkunde schrieb sie sehr gute Schilderungen und zeigte freudige Mitarbeit in der Heimatkunde, besonders in der Entwicklung eines Spieles. Im Malen sehen wir wunderschöne Bilder, auch mit dem Rötel konnte sie sehr geschickt zeichnen. Ihre Flechtbänder sind formvollendet, kräftig, großzügig, besonders gerne hat Mareike komplizierte Formen gewählt. Im Rezitieren erlebte man durch die Art des Ausdruckes ihre Erlebnistiefe.

Mareike hat auch gerne überall geholfen, es war stets Verlass auf sie. In letzter Zeit wurde sie etwas geschwätzig und konnte sich manchmal nur schwer zügeln, doch das ist wohl eine Durchgangsphase, durch die Mareikes tüchtiger Einsatz nicht überdeckt werden kann.

 

Zeugnis einer 7. Klasse

Jonathan engagierte sich auch in diesem Jahr für die Inhalte des Unterrichtes, ganz besonders war ihm das soziale Miteinander ein Anliegen. Er wurde zum Klassensprecher gewählt. Immer wieder hatte er den Mut, vor der Klasse auch kritische Punkte anzusprechen und zu klären. Den Unterricht verfolgte er aufmerksam. In den letzten drei Monaten wurde er in seinem Umfeld manchmal zu gesprächig. Ansonsten beteiligte er sich mündlich recht gut. Seine schriftlichen Aufgaben ging er konzentriert und zügig an. Oft hatten sie ein hohes Niveau.

Bei unseren Epochenheften legten wir besonderen Wert auf die Heftpflege und Gestaltung, Schrift, die Zeichnungen, das sorgfältige Einkleben von Kopien, Vollständigkeit und die pünktliche Abgabe des Heftes. In diesem Schuljahr waren es insgesamt 11 Epochenhefte bzw. schriftliche Arbeiten, die wir erstellten. Jonathan erfüllte diese Aufgabe auf hohem Niveau. In fast allen Heften war es ihm ein Anliegen, sie schön und übersichtlich zu gestalten. Er darf hier sehr zufrieden mit sich sein.

Im Deutschunterricht lasen wir zu Beginn des Schuljahres das Buch: „Das Vermächtnis des alten Pilgerers“. Neben dem lauten Vorlesen übten wir das Beantworten von Fragen und auch das Formulieren von eigenen Meinungen. Jonathan machte im Lesen weitere Fortschritte. Seiner guten Lesefähigkeit fehlt jedoch noch der letzte Schliff. Darum sollte er sich weiter durch lautes Lesen bemühen. Die eigenen Texte und Fragenbeantwortungen formulierte Jonathan meistens gut. Sie enthielten viele unterschiedliche Aspekte und Gesichtspunkte. Hier und da darf er noch konzentrierter an seinen Formulierungen feilen. Insgesamt eine gute Leistung. Parallel dazu beschäftigen wir uns intensiv mit Themen der Rechtschreibung. In diesem Schuljahr schrieben wir insgesamt 14 Diktate. Jonathan lag mit seinen Leistungen im oberen Mittelfeld der Klasse. In der zweiten Epoche beschäftigten wir uns u.a. mit Balladen, die von den Schülern in Kleingruppen selbstständig inszeniert und am Ende vor der 8. Klasse aufgeführt wurden. Jonathan entschied sich für die Ballade: „Nis Randers“. Seine Gruppe gab sich große Mühe und schloss mit einem tollen Ergebnis ab.

In den Geschichtsepochen haben wir uns mit dem ausgehenden Mittelalter und dem Beginn der Neuzeit befasst. Besonders studierten wir die großen Entdecker. Jeder Schüler sammelte und bearbeitete selbstständig das Material zu einer bestimmten Biografie. Jonathan erhielt den Entdecker „Vasco da Gama“ zugeteilt. Auf 14 Seiten stellte er sein Leben schriftlich da. Es gelang ihm, in einfühlsamer Weise die wesentlichen Punkte lückenlos zu beschreiben. Eine sehr gute Arbeit. Kurz vor Weihnachten hielt jeder Schüler vor versammelter Elternschaft ein kurzes Referat. Jonathan konnte auf diesem Gebiet wiederum sehr überzeugen. Er wählte als Darstellung die Ich-Perspektive, was den Vortrag sehr lebendig machte. Sicher und detailliert bezog er die Weltkarte mit ein. Insgesamt eine hervorragende Leistung.

In unserer ersten Mathematikepoche haben wir uns im Wesentlichen mit der Algebra beschäftigt. Die Arbeit fand in gelosten Gruppen mithilfe von Wochenplänen statt. Eigenverantwortlichkeit und Zielstrebigkeit sollten hiermit besonders gefördert werden. Jonathan arbeitete überwiegend sehr konzentriert und ernsthaft an seinen Aufgaben. Nur in wenigen Momenten beurteilte er sich selbst als abgelenkt. In der zweiten Epoche behandelten wir die Algebra. Mündlich gesehen war er rege und konzentriert. In beiden Abschlussarbeiten erreichte er sehr gute Ergebnisse.

In den Fächern Physik und Chemie legten wir wiederum besonderen Wert auf das selbstständige Verfassen von Versuchsbeschreibungen. Jonathan gelang dies recht gut. Präzise formulierte er die einzelnen Abläufe. In der Abschlussarbeit der Physik erreichte er ein gutes Ergebnis, die Arbeit der Chemie lag leicht über dem Durchschnitt der Klasse.

Am Ende des Schuljahres lernten wir in einer Geographieepoche den Kontinent Afrika intensiv kennen. Der Unterricht beinhaltete viele praktische Elemente der afrikanischen Kultur, die wir uns in selbstständiger Gruppenarbeit eroberten. So befasste sich Jonathan mit dem Erstellen eines Afrikamodells. Die Gruppe hatte sich vernünftig organisiert, wobei es schwierig schien, sich bezüglich der Materialfragen zu einigen. Am Ende wurde das Modell in ansprechender Weise fertiggestellt. Wir ließen diese Epoche mit einem schönen afrikanischen Fest ausklingen, das wir an einem Freitagabend mit den Eltern feierten.

 

 

 

 

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