Stundenplan - Deputate

Ein Beitrag von Eugen Riesterer (Rudolf Steiner Schule Hamburg Wandsbek)

Der Unterricht, der von vornherein
dem Lehrer den Stundenplan und alles Mögliche
vorschreibt, der schaltet eigentlich in Wahrheit
die Kunst des Lehrers vollständig aus.
Und das darf nicht sein.
Der Lehrer muss das treibende
und belebende Element
im ganzen Schulwesen sein.

 

R. Steiner, GA 294, 2. 9. 1919

 

Wirklichkeit und Ideal

Fast regelmäßig sehen sich die Schulen aufgrund finanzieller Nöte gezwungen, die Deputate zu beleuchten und dabei zu prüfen, ob weitere Belastungen für einzelne Kollegen oder Fachbereiche möglich sind, obwohl viele Kollegen schon die Grenze ihrer Belastbarkeit erreicht haben. Oft scheint der Kollegiumsgemeinschaft bei solchen Entscheidungsverfahren nicht immer ganz bewusst zu sein, dass Einbußen in der Unterrichtsqualität sowie gesundheitliche Einbrüche bei den Kollegen die Folgen sind, dadurch auch sinkende Schülerzahlen, was wiederum finanzielle Einbußen nach sich zieht. Einsparungsmaßnahmen werten auch einzelne Fächer de facto ab. Neben den handwerklichen Fächern trifft das häufig auch die Eurythmie-Deputate. Nicht selten ist dabei die Meinung zu hören, die geringere Stundenzahl sei ein unsoziales Privileg der Eurythmisten; die anderen Kollegen müssten schließlich auch mehr Stunden geben. Dass damit aber zugleich eine Erhöhung der Eurythmiestunden gefordert wird, nie aber der Denkansatz in die andere Richtung geht: Wie können wir allen Kollegen Erleichterung verschaffen?, zeigt, welche sozial vergiftende Wirkung sich aus einem solchen Deputatsdenken ergibt, das oft noch bis hinter die Kommastelle rechnet. Natürlich, es geht hier immer auch um die Finanzen, die man nicht hat. Doch dieser Gedanke enthält eine gefährliche Denkbequemlichkeit: Man kann ja doch nichts machen - und mit so einer Haltung macht und denkt man auch nicht mehr in andere Richtungen. Wonach richtet sich eigentlich die Größenordnung im Deputat? Dass wir uns nach der finanziellen Lage, den Zuschüssen etc. richten müssen, ist das Eine. Dass wir aber in unserem Denken konform gehen mit den Auslastungs-Richtlinien staatlicher Schulen, ist das überflüssige Andere, das uns von den eigenen Idealen entfernt.

Rudolf Steiner war es wichtig, eine grundlegende Entlastung der Kollegen anzustreben: „12 (Wochen-) Stunden ist genügend für den Lehrer. Das ist achtstündiger Arbeitstag mit der Vorbereitung." (GA 300a/8.9.1919). Woher kommt die Verdopplung, die „24plus"-Stunden-Deputate? Dass sie nach Steiner dann mit Vorbereitung einen 16-stündigen Arbeitstag bedingen müssten, zeigt eben wiederum die Qualitätseinbußen, die mit solchen Auslastungen einhergehen. Aber sind wir heute noch innerlich an diesem Ideal der 12-Wochen-Stunden, oder verteidigen wir auch nach innen die 24 oder mehr Stunden als „Grundlage der Waldorfschule?" Unsere Gedanken schaffen auch hier die Realitäten mit.

Das Stundenkontingent, mit dem die erste Waldorfschule begonnen hat, war schon ein Kompromiss, nicht das Ideal. Das klingt auch durch manche Bemerkung Steiners: "[...] wenn wir gar kein Geld haben für die Waldorfschule, wovon sollen wir es hernehmen? Mir wäre es am liebsten, wenn das Lehrerkollegium verdoppelt würde, aber es geht nicht." (GA 300b/15.10.1922). Weniger bekannt scheint mir der Grundsatz Steiners, dass „ein Verständnis für geistige Güter" nur durch „Muße" geweckt werden kann (vgl. GA 23, „Kernpunkte der sozialen Frage", Kap. II, Tb 606, Dornach 1973, S. 68). Wenn wir aber gestresst durch das Schuljahr hetzen, wird uns der doppelte Sinn des Wortes „Geistes-Gegenwart" verschlossen bleiben und damit das zentrale Ziel pädagogischen Handelns, an dessen Stelle dann schnell Routine und Tradition treten.

Auch vor der Überlastung der Schüler (damals 44 Stunden in der 10. Klasse) warnt Steiner. Er sieht darin den "Grund, warum viele gar nichts können [...]" (15.10.1922).

 

Stundenplan

Die andere Seite der Deputats-Medaille ist der Stundenplan. Auch hier scheint der Kompromiss in unserem Denken die ursprünglichen Intentionen Steiners längst verdrängt zu haben, denen zufolge der Stundenplan eine „Mördergrube für jede wahre Pädagogik" ist (GA 192, 1.6.1919)  Das sagt er noch vor der Schulgründung, in einer Zeit, in der eben die Ideale noch großen Raum hatten. Und dass er hier nicht aus einer kurzfristigen, schlechten Laune heraus geradezu ausfallend über den Stundenplan spricht, zeigt sich Monate später, als er am 10.8.1919 wiederum ausführt:

„So haben wir nötig, dass, ohne dass der Bogen überspannt wird, nicht durch Anstrengung, sondern durch Ökonomie der Erziehung, Konzentration bei den Kindern erreicht werden soll. Dies können wir in der Weise, wie es der heutige Mensch braucht, nur erreichen, wenn wir etwas abschaffen, was heute noch sehr beliebt ist: wenn wir den verfluchten Stundenplan in den Schulen abschaffen, dieses Mordmittel für eine wirkliche Entwickelung der menschlichen Kräfte. Man denke nur einmal nach, was es heißt: von 7-8 [Uhr] Rechnen, von 8-9 Sprachlehre, von 9-10 Geographie, von 10-11 Geschichte! Alles dasjenige, was von 7-8 die Seele durchwogt hat, wird ausgelöscht von 8-9 und so weiter. In diesen Dingen ist es heute notwendig, den Sachen auf den Grund zu gehen. Wir dürfen überhaupt nicht mehr daran denken, dass Lehrfächer da sind, damit „Lehrfächer" gelehrt werden; sondern wir müssen uns klar sein: im Menschen vom 7. bis 14. Jahre müssen entwickelt werden in der richtigen Weise Denken, Fühlen und Wollen. Geographie, Rechnen, alles muss so verwendet werden, dass in der richtigen Weise Denken, Fühlen, Wollen entwickelt werden."
(GA 296: Die Erziehungsfrage als soziale Frage, 10. August 1919, Dornach 1997, tb 735, S. 50)

Es klingt wie ein Lehrplan-Kernpunkt: in der richtigen Weise Denken, Fühlen und Wollen zu entwickeln. Und in der Allgemeinen Menschenkunde gibt Steiner eine ebenso kurze Erziehungsformel:

„Die Aufgabe der Erziehung, im geistigen Sinn erfasst, bedeutet das In-Einklang-Versetzen des Seelengeistes mit dem Körperleib oder dem Leibeskörper. Die müssen miteinander in Harmonie kommen, müssen aufeinander gestimmt werden [...] Die Aufgabe des Erziehers und auch des Unterrichters ist das Zusammenstimmen dieser zwei Glieder."

(GA 293, Vortrag vom 21.8.1919)

 

Hier ist weder die Rede von 3 Stunden Englisch, noch von 2 Stunden Eurythmie oder von 12 Epochenwochen im Rechnen. Auch in den daran anschließenden Sätzen finden wir nichts davon, stattdessen spricht Steiner interessanterweise über das Atmen.

Treiben wir es einmal auf die Spitze: denn wenn wir diese Ansätze vorurteils- und bedingungsfrei weiterdächten, ohne die Konsequenzen schon im Vornherein zu fürchten, könnten sich dabei folgende Gedanken ergeben:

Denken wir einmal, es gäbe keinerlei Stundenvorgaben für einzelne Unterrichtsgebiete, ja der Begriff „Unterrichtsfach" selbst wäre nicht vorhanden, im Sinne der Aussage Steiners: „Wir dürfen überhaupt nicht mehr daran denken, dass Lehrfächer da sind, damit ,Lehrfächer' gelehrt werden". Wie könnten wir dann unsere pädagogische Verantwortung, unser pädagogisches Wollen einbringen? Was käme dabei heraus, wenn wir auch das Maß unserer erzieherischen Arbeit selbst festlegen müssten?

In Versuchen über mehrere Jahre, diesen Gedanken in die Schulwirklichkeit überzuführen, habe ich die Erfahrung gemacht, dass dann die festen Jahrespläne „dynamischer" werden, sich zeitweilig verdichten, wieder verringern, wieder intensivieren usw. Die Arbeit war weniger kräftezehrend, selbst, wenn man sich dabei - für eine bestimmte Zeit und aus der Sache heraus! - mehr Unterrichtsstunden aufgebürdet hatte. - Wenn aber andererseits diese fast stundenplanfreie Arbeit durch personelle Veränderungen nicht mehr fortzuführen war, wirkte der Rückfall in den normalen Verwaltungsplan lähmend.

Nicht selten wird in waldorf-internen Diskussionen gefordert, der Waldorflehrer solle in seiner Gesinnung „Unternehmer" sein. Dessen herausragendes Kennzeichen ist aber gerade das Gestaltungsrecht über den eigenen Terminkalender, über den eigenen Stundenplan! Der Angestellte ist dagegen an die Ausführung genau vorgegebener Pläne gebunden, und gerade er leistet oft weniger als jener, der seine Pläne frei gestalten kann. Ein wirklicher Unternehmer kann es sich auch nicht leisten, veraltete Traditionen, die nicht mehr hinterfragt werden und daher auch nicht mehr notwendig sind, mit sich zu schleppen. Aus  einer Sicht würden sich langfristige Planungsintervalle mit kurzen Zeiträumen vermischen, und in der konkreten Gegenwart würde manches noch einmal gänzlich geändert, wenn es die Bedingungen erfordern. Er muss die unternehmerische Flexibilität haben, langfristige Planungsziele gegenüber spontanen Entscheidungen abzuwägen. Mit einem statisch  angelegten Stundenplan hingegen wird das Unternehmerische immer in ein Verwaltendes verbogen.

Trennen wir uns auch hier von dem Begriff der „Lehrfächer", der etwas Teilendes, Isolierendes in einen eigentlich fließenden pädagogischen Prozess hineinbringt. Nicht ohne Absicht benutzte Steiner den Begriff Drei-Gliederung, nicht Drei-Teilung! Es wäre also richtiger, anstatt von „Lehrfächern" von einem dreigegliederten Schultag zu sprechen, in dem jeder Lehrer seine Fähigkeit zum „Gesamtkunstwerk" einbringt, eben zu jenem dreigegliederten Lehrplanziel: zur Entwicklung von Denken, Fühlen und Wollen, zur Harmonisierung „des Seelengeistes mit dem Körperleib"...

 

Begriffsklärung

Damit kommen wir zu einer notwendigen Beleuchtung der Begriffe „Deputat" und „Stundenplan". In der Regel handhaben wir beides gleich: Soviel Deputatsstunden, soviel Stundenplanstunden. Dabei übersieht man, dass es sich beim Deputatsbegriff um einen ideellen Begriff handelt, der zunächst „nur" meinen pädagogischen Auftrag beschreibt: nämlich dass ich die Verantwortung für bestimmte pädagogische Entwicklungsprozesse übernommen habe. Hierbei steht eigentlich ganz vorrangig das Ziel, die Kinder zu fördern und ihre Entwicklung zu begleiten. Das und nur das drückt sich zunächst in der Zahl an Stunden aus, die im Deputat erscheint. Diese Stundenzahl ist als eine Orientierung zu sehen, die zeigt, welchen Schwerpunkt dieser oder jener Unterricht im Schulganzen hat. Und diese Zahl lässt sich auch ändern, wenn sich die Schulgemeinschaft andere Schwerpunkte setzt.

Das WIE der Umsetzung darf damit aber noch nicht festgelegt sein. Denn das hieße, ein Ideelles (Deputat) an ein Materielles (Stundenplan) zu binden, was unweigerlich zu einer Einschränkung der pädagogischen Gestaltungsfreiheit führt. Das aber ist unsere derzeitige Realität, und jeder noch so genial erstellte Stundenplan führt nicht darüber hinaus.

Der Stundenplan ist ja dreifach festgezurrt: als Stunden-, Wochen- und Jahresplan und manifestiert sich in der Regel als Haupt- oder Fachunterricht mit dem bekannten Stundenrahmen. Wenn der Lehrer die Gestaltung des Stundenplanes aber aus der Hand gibt, verzichtet er damit auf ein elementares pädagogisches Mittel:

Der Unterricht, der von vornherein dem Lehrer den Stundenplan und alles Mögliche vorschreibt, der schaltet eigentlich in Wahrheit die Kunst des Lehrers vollständig aus. Und das darf nicht sein. Der Lehrer muss das treibende und belebende Element im ganzen Schulwesen sein. (R. Steiner, GA 294, 2. 9. 1919)

Was würde es für mein Selbstverständnis als Waldorflehrer bedeuten, wenn ich mein Deputat, das heißt: meinen pädagogischen Auftrag so umsetzen könnte, wie ich es aus der gegebenen Situation für richtig und sinnvoll halte?

Diese Frage soll nun weiter konkretisiert werden. Den folgenden praktischen Anregungen liegen Erfahrungen zugrunde, die ich in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer einmal wieder sammeln konnte - mit langen Unterbrechungen, je nachdem, wie es die Bereitschaft und die personelle Situation in meinen Klassenkollegien zuließ. Gewiss musste dabei auch mancher Kompromiss geschlossen werden, manches gelang aber auch ganz anders. Entscheidend ist, ob ich aus diesem Ideal: Deputatstunden sind keine Stundenplanstunden! - heraus handle, Ideen entwickle oder ob ich meine pädagogische Tätigkeit auf das herkömmliche Stundendenken begrenze.

 

Praktische Anregungen

Ein Fremdsprachenlehrer könnte sich also fragen: Wie viel Zeit benötige ich eigentlich in dieser konkreten 6.Klasse, in welcher mir das Überleben immer wieder schwer fällt? Muss ich dort häufiger präsent sein - oder tut ein zeitweiliger Abstand sogar gut? Kann ich die Klasse vorübergehend in ¾ und 1/4 -Gruppen einteilen? Wie verstehe ich mich mit dem Klassenlehrer? Oh ja, davon hängt viel ab, denn wenn wir zusammenarbeiten, ist vieles möglich! Kann ich mit ihm verabreden, im rhythmischen Teil eine kleine Impuls-Epoche einzulegen, täglich 20 Minuten lang? Brauche ich evtl. ein oder zwei feste Stunden im Stundenplan, die ich kontinuierlich geben will, oder verhandle ich solcherart mit dem Klassenlehrer, dass keine meiner (Deputats-)Stunden im Plan der Kinder auftaucht, sondern ich mit ihm Kurzepochen im Hauptunterricht verabrede, er dafür an zwei oder drei Tagen einen 3-stündigen Hauptunterricht bekommt, wenn ihm das auch entgegenkommt? - Und wie ist das in der konkreten 2. Klasse, in der ich fast nur pflegeleichte Kinder finde, die sich sofort mit viel Freude auf meine Arbeit einschwingen - mit welcher Stundenidee werde ich der Begegnung mit diesen Kindern gerecht?

Nirgends taucht in diesen Überlegungen die Frage auf, mit wie viel Stunden mir die Verwaltung das im Deputat berechnet. (Dennoch weiß sie es - und ihre Vorlage bleibt dieselbe, unabhängig, welche Unterrichtsgestalt ich mit dem Klassenkollegium kreiere).

Rudolf Steiner empfahl der „Ur-Eurythmistin" Lory Maier-Smits schon 1912, den Energie- und den Friedenstanz vor Beginn der Schule auszuführen, das habe eine beruhigende und harmonisierende Wirkung selbst auf die streitsüchtigsten Kinder (GA 277, 16.-24.9.1912, S.25). Vor Beginn der Schule: das bedeutet nicht: zum Beginn der Eurythmiestunde, und es lässt offen, wie lang ein solcher Tanz dauern - und ob man mit ihm über eine längere Zeit täglich den Unterricht eröffnen könnte - vielleicht in einem 10-Minuten-Umfang.

Es ist bei solchen Planungen aber immer auch darauf zu achten, dass der einzelne Kollege dadurch nicht unzumutbar überlastet wird. Nur für 10 Minuten morgens um 8°° Uhr in der Schule zu sein kann einen vollgestopften Tag noch mehr erschweren. Dann kann man auch Kompromisse überlegen; am besten aber wäre es, wenn der Kollege selbst nicht um seine Grenzen kämpfen müsste, sondern wenn die anderen das von sich aus wahrnehmen könnten. Notwendig hierzu ist die Sorge um die Belastung des anderen Kollegen und eine Haltung, die fördert statt zu fordern. Wenn ein solches Bewegen der Stunden aber in einem größeren Zusammenhang geschehen könnte, wären die Entlastungsmöglichkeiten ganz andere. Aus eigenen Erfahrungen auch mit Klassenkollegen weiß ich, dass man eine besondere Belastung über 1- 4 Wochen ohne weiteres tragen kann, wenn darauf auch eine Entlastung folgt, vor allem aber, wenn das Mehr an vorübergehender Belastung aus eigener Einsicht und eigenem Entschluss gewollt wird. Hat man eine besondere Belastung aber für ein ganzes Jahr im Stundenplan festgeschrieben, wird sie zum Problem.

Wenn ich für ein paar Wochen (nicht für alle Zukunft!) die Möglichkeit habe, einen dreistündigen Hauptunterricht zu führen, weil dies für mich z.B. für eine Rechenepoche in der Mittelstufe sinnvoll ist, dann verhilft mir diese Zeitgestalt, in mehr Ruhe auf die Fragen der Schüler einzugehen, den schriftlichen Teil ohne Zeitdruck zu schaffen und auch noch die Geschichte unterzubringen. Mit diesem Erfolgserlebnis gehe ich zufriedener, ja auch mit mehr Kraft aus dem Klassenzimmer, als wenn ich in nur zwei Stunden mich selbst und die Kinder unter Druck gesetzt habe. Die Kraftfrage, so war unsere Erfahrung, hängt nicht primär von einer Stundenzahl ab. Allerdings belasten ausschließlich verwalterisch zugewiesene Stundenpläne die Kräfte am meisten.

Projekte in der Oberstufe drohen manchmal über Wochen den Unterricht lahm zu legen. Viele sehen in diesen Projekten etwas Förderungswürdiges, aber die Kollegen, deren Unterricht dadurch beschnitten wird, fühlen sich und ihre Arbeit nicht selten entwertet. Würde man aber in der geschilderten Weise flexibel damit umgehen, d. h. die Projekt-Kollegen mit den Betroffenen auch frühzeitig einen Gesamtplan verhandeln, in dem konzentriertere Zeiten auch für deren Unterricht berücksichtigt sind, dann ließe sich dieser Konflikt leichter entschärfen.

Ein weiteres Beispiel, wie man die Deputatsidee flexibel halten kann, ist der Musikunterricht. Vor allem in den unteren Klassen ist hier nicht selten die paradoxe Situation anzutreffen, dass neben dem Klassenlehrer ein weiterer (Klassen-)Lehrer noch Musik unterrichtet. Es kommt wohl nicht allzu häufig vor, dass beide ihren Unterricht aufeinander abstimmen, obwohl man auch im Hauptunterricht singt und flötet. Manchmal entstehen diese Musikstunden aus Gründen der Auslastung; ob sie in dieser Kombination pädagogisch wertvoll sind, ist fraglich. Ganz anderes könnte man gerade als Klassenlehrer daraus gewinnen, wenn das Deputat des Musikkollegen gar nicht als Stunde im Stundenplan auftauchen, dafür der Musikkollege aber als „Berater" fungieren würde. D. h., ich könnte mit ihm mein musikalisches Können (als Klassenlehrer) vertiefen - aber außerhalb des Unterrichts! Dies setzt natürlich voraus, dass den Musikkollegen mehr mit der Musik verbindet als nur die deputatorische Notlösung ...

Auch in der Mittelstufe, in der dann ja meist ein „Fachmann" für den Musikunterricht verantwortlich ist, lassen sich vielerlei Synergien finden. Beispielsweise könnte ich von dessen musikliterarischen Anregungen profitieren, mehrstimmige Lieder mit ihm einüben - und dann könnte ich ihn auch für ein paar Tage in den rhythmischen Teil einladen, um diese Mehrstimmigkeit gemeinsam einzuführen. Ökonomisch auch für die Kinder, deren Tagesplan durch solche Überlegungen erheblich entlastet würde!

Auch wenn der Musikkollege mit keiner einzigen Stunde im Stundenplan auftaucht, wüsste die Verwaltung: Er betreut die Musik in Klasse 5 - das sind (z.B.) 3 angerechnete Stunden im Deputat ....

Wenn ich mich aber als Klassenlehrer besonders musikresistent erweise, hat der Kollege natürlich ein Problem. Er muss dann zunächst mehr als drei Wochenstunden an mir arbeiten. Setzt er Hoffnung in mich, hält er das über mehrere Wochen durch. Sieht er die Sache aussichtslos, muss er andere Wege suchen, z.B. auch den Rückzug auf die 3 Stunden im Stundenplan; das wäre im vorliegenden Fall dann sicher eine effektivere musikalische Förderung der Kinder. Eine Änderung der Deputatsgröße stünde hier nicht zur Debatte. Andererseits wäre aber auch denkbar, dass seine Zusammenarbeit mit gleich zwei Klassenlehrern optimal verliefe; auch dann dürfte das Deputat nicht gekürzt werden; es stünden dem Musikkollegen dann eben 2 x 3 Deputatsstunden zu, auch wenn er die Vorbereitungen immer mit beiden Klassenlehrern gemeinsam macht: Anreiz zum ökonomischen Unterrichten, das war für Steiner immer wichtig.

Allerdings darf sich der Musik- bzw. Fachlehrer nicht passiv verhalten, sich gar aus seiner Arbeit herausschleichen, nach dem Motto: Wenn sich der Klassenlehrer nicht meldet, dann ist das sein Problem. Das wäre ein fatales Missverständnis, denn die Verantwortung des einzelnen Fachlehrers ist weder dem Klassen- noch einem anderen Fachlehrer zuzuschieben, da es eben sein Deputat ist, das er hier umzusetzen hat! Vielmehr muss er weiter ein aktives Interesse an der fachlichen Pflege in dieser Klasse haben - denn diese Pflege ist ihm ja durch das Deputat aufgetragen. Auch darf er sich nicht als „Anhängsel" des Klassenlehrers verstehen, wenn in seinem Fach eine Integration in den Hauptunterricht möglich ist. Aus seinem fachlichen Können heraus muss er überlegen und planen, was für die Klasse wichtig ist und mit diesem Impuls auf den Klassenlehrer zugehen, selbstverständlich dessen Intentionen mit einbeziehen, aber aus dieser Verantwortlichkeit (=Deputat!) heraus ist es seine Aufgabe, den fachlichen Überblick in der Klasse im Auge zu behalten. Sonst entsteht unterm Strich ein kollegiales Ungleichgewicht.

Es ist mir wichtig, festzuhalten, dass diese Überlegungen die finanzielle Lage bisher nirgends belasten, wohl aber ein entspannteres Umgehen mit den pädagogischen Aufgaben ermöglichen würde. Das wiederum würde zu weiteren Ideen führen, wie man den Schulbetrieb entschlacken könnte, was sich letztlich auch bis in die Finanzen hinein positiv auswirken könnte.

Betrachten wir noch einmal das Musiklehrer-Beispiel, hier insbesondere die „Könnten-Sie-auch-Flöten-unterrichten"-Frage der Unterstufe, die meist an einen Klassenlehrer gerichtet wird. Natürlich: Wenn dieser auch ein begeisterter Musikus ist, dann ist das prima, und wenn er - als „Musiklehrer" einen anderen Klassenlehrer unterstützen kann - noch besser. Aber im anderen Fall? - In der Regel ist ja die notwendige Finanzierung des Kollegen das vorrangige Motiv; die Flöten-Suche sozusagen nur der Rechtfertigungsgrund für diese Finanzierung. Mit weniger Formalismus könnte man aber fragen: Hat der Kollege nicht ganz andere Fähigkeiten, die er auch leben möchte? Käme ihm nicht die Teilnahme an der Betreuung eines pädagogischen Projekts entgegen, vielleicht sogar in der Oberstufe? Hätte er „Lust", in der Mittel- oder Oberstufe eine Physik-, eine Chemie- oder Biologie-Epoche mit einem anderen Kollegen gemeinsam zu begleiten, sich dabei „nur" fortbildend? (Ein flexibler Plan könnte die Verschiebung ganzer Epochen auf 10-12°° ermöglichen). Und könnte er dann auch einmal einen anderen Kollegen zeitweilig vertreten, um auch diesem eine „interne Fortbildung" zu ermöglichen? Wäre das nicht eine Horizont-Erweiterung, die wiederum der ganzen Schule zugute käme?

Auch Teile des Sportunterrichts könnten neu gegliedert werden. Der Spielturnlehrer könnte dem Hauptunterricht der Unterstufe zuarbeiten, beratend, impulsierend, mitarbeitend, im Rhythmischen Teil, ohne eigene Stundenplan-Stunde, wie eben der Musiklehrer, und auch im Griechentum der 5. Klasse könnte sich ein Teil des Sport-Deputats auf eine große Wettkampf-Epoche im Hauptunterricht konzentrieren usw. usf. Die Folge: Entlastung des Stundenplan-Alltags ...

Der Gartenbau könnte konzentriert in die Frühlings- bis Herbstzeit gelegt werden, im Winter dafür (fast?) gänzlich ruhen und dann von einem entgegengesetzten Rhythmus im Handarbeits- oder Werkbereich abgelöst werden. Die Entlastungszeiten wären dann entsprechend entgegengesetzt für Handarbeits- und Werklehrer bzw. Gartenbau-Lehrer.

Diese Gedanken sollen zu eigenen Ideenbildungen anregen. Auch bei Steiner finden sich Hinweise, wenn man unter dem neuen Blickwinkel einer freieren Zeitplanung forscht. So schlägt er für den Sprachunterricht vor, die verschiedenen Sprachen in derselben Stunde zusammenzufassen:

„Nun wäre es ganz besonders gut, wenn für den fremdsprachlichen Unterricht durch die Organisationerreicht werden könnte ein Nebeneinandergehen der einzelnen Sprachen, welche die Kinder aus irgendwelchen Gründen lernen müssen. Es wird ungeheuer viel Zeit damit verloren, wenn man bei dreizehn-, vierzehn-, fünfzehnjährigen Jungen und Mädchen Lateinisch von der einen Lehrkraft, Französisch von einer andern Lehrkraft, Englisch von einer dritten Lehrkraft erteilen lässt. Viel, viel wird gewonnen, wenn man einen und denselben Gedanken, der von dem einen Lehrer mit einem Schüler in der einen Sprache entwickelt wird, auch von einem andern Schüler in der andern Sprache und von einem dritten Schüler in der dritten Sprache entwickeln lassen könnte. Es würde dann die eine Sprache die andere im reichen Maße unterstützen."

 Steiner schwebt dabei eine Lehrkraft vor, die die entsprechenden Sprachen beherrscht und diese Sätze parallel mit den Schülern entwickelt. Der Kompromiss aber wäre die Zusammenarbeit der Sprachlehrer in ein und derselben Stunde - je nach Entwicklung vorübergehend oder in längeren Phasen:

„Natürlich können solche Dinge nur insoweit gepflegt werden, als man die Mittel, also in diesem Falle die Lehrer, dazu hat. Aber was man hat, das sollte ausgenutzt werden. Es sollte die Unterstützung, welche von der einen Sprache durch die andere geleistet werden kann, berücksichtigt werden." GA 294 - Erziehungskunst - Methodisch-Didaktisches, 30.8.1919

Wenn wir die pädagogisch tätige Zeit von den Deputatsstunden abkoppeln, entsteht mehr Bewegung, mehr Ökonomie. Im gängigen System werde ich für solch ein Verhalten „bestraft": Denn wenn ich mir zutraue, im Fachunterricht eine Klasse ungeteilt zu unterrichten, folgt auf diese evtl. pädagogisch sinnvolle Maßnahme eine Gehaltskürzung; ich bekomme dann anstelle der beiden Gruppenstunden nur noch 1 Stunde bezahlt! Das öffnet der „Erbhof-Sicherung" Tür und Tor. In der abgekoppelten Deputatsregelung bleiben mir aber beide Stunden - eben als Ausdruck meines pädagogischen Auftrags - erhalten, was zu weiteren ökonomischen Ideen anregt, ohne Furcht vor Deputatsverlusten!

Bei der Einführung des Freien Samstags ist mancher Schule ein Denkfehler unterlaufen, der zeigt, wie sehr wir auch ideell am Ableisten äußerer Stunden hängen: Gerade die Stunden des Hauptunterrichts wurden um einen Tag gekürzt, nicht aber zugleich auch der pädagogische Auftrag; er muss weiter in vollem Umfang erfüllt werden. So sind die Vorbereitungen dieselben geblieben, u. U. zeitaufwändiger geworden, weil man die Unterrichtsstunden konzentrierter nutzen muss. Zugleich aber müssen die Klassenlehrer nun mehr Fachstunden ableisten, um die alte Stundenzahl wieder zu erreichen. Damit wurde eine unbemerkte, unnötige und von keiner Seite gewürdigte Stellen- bzw. Gehaltskürzung vollzogen. Die durch den Freien Samstag enger gewordene Woche fordert m. E. so etwas wie das hier entwickelte Deputats-Umdenken geradezu heraus.

 

Fördernde Maßnahmen

Die bisher geschilderten unterrichtspraktischen Überlegungen lassen sich sofort umsetzen, ohne dass dadurch die Stundenplanstruktur einer ganzen Schule betroffen wäre; denn mit diesen ist ja der Stundenplan noch gar nicht abgeschafft. Solche „Vorübungen" sind auch unumgänglich, denn nur mit den Erfahrungen, die man vor Ort damit gewinnt, lassen sich konkrete Schritte weiterentwickeln. Das Ideal könnte jedoch die komplette Freigabe des Stundenplans sein, ganz im unternehmerischen Sinne; an seine Stelle müsste eine Zeitplanung treten, die nicht an Stundentakte gebunden wäre. Die Planungsintervalle wären nicht mehr auf ein ganzes Jahr ausgelegt. Die Luft, die man für ein ganzes Jahr braucht, ginge nicht mehr aus...

Wenn ein einzelnes Klassenkollegium gemeinsam erste Schritte wagen will, wäre die Einrichtung eines „Forschungsfonds" sinnvoll. Mit ihm könnte z.B. der Klassenlehrer für 1-3 Jahre soweit vom Fachunterricht freigestellt werden, dass er die Klasse betreuen kann, wenn bei den Fachlehrern Engpässe entstehen. Damit kann eine Schule denjenigen, die so etwas wollen, gute Rahmenbedingungen ermöglichen. Eine Teilnahme aber kann nur der Einzelne für sich selbst beschließen, aus dem Verständnis und der Begeisterung für diese Idee. Denn wenn auch nur ein Kollege gegen seinen Willen in so ein Projekt hineingerät, ist es kaum mehr durchführbar. Andererseits ist eine engere Absprache und Zusammenarbeit sowie eine gemeinsame Intention im Klassenkollegium unabdingbar.

Noch weiter ginge die Veränderung, wenn mehrere Klassenkollegien solch einen Versuch wagen würden. Ihre Tätigkeit könnte man nach und nach auf bestimmte Klassen umschichten bzw. einschränken; und diese Klassen könnte man dann komplett aus dem Schulstundenplan herausnehmen.

 

Zu guter Letzt

Warnen möchte ich aber vor einer einseitigen Handhabung dieses Deputatsverständnisses. Gewiss soll damit auch eine Entlastung von Lehrern - und auch Schülern - erreicht werden. Aber genauso werden Zeiten besonderer Belastungen entstehen, die zu diesem Ansatz dazugehören wie das Einatmen zum Ausatmen. Auch wird das Bewusstsein für  ökonomisches Unterrichten geschärft. Doch wer diesen Ansatz nur ergreift, um systematisch seine Arbeit zu reduzieren, muss auf Dauer damit scheitern, spätestens dann, wenn er die Ergebnisse seiner Arbeit vor Eltern und Kollegen zu verantworten hat. Denn natürlich werden sich Aufgaben auch einmal verdichten, und das kann gerade auch bei Fachlehrern sein, die z.B. ein Klassenspiel - und vielleicht sogar zugleich ein anderes Projekt zu betreuen haben. Doch dazu gehört eben - ganz im unternehmerischen Sinne - die Bereitschaft, sich zeitweilig „über das Maß" einzubringen, aber eben auch in dem Bewusstsein, dass Zeiten der Entlastung eingeplant sind. Wie weit man zu solch polarer Arbeitsweise bereit ist, muss man selbst entscheiden und erste Versuche möglichst in kleinen Schritten beginnen.

Ein „Ja-Aber" sagte mir neulich: An unserer zweizügigen Schule kann man das nicht machen, dafür sind wir einfach zu groß! Ein anderes „Ja-Aber" aus einer einzügigen Schule argumentierte kurz darauf, dass dies ja nur an einer zweizügigen Schule zu machen sei, weil es dort mehr Möglichkeiten gäbe. Ein „Was-Wäre-Wenn?" dagegen meinte: Dort, wo es Menschen wirklich wollen ...

Es gibt Entscheidungen, die ein Fachlehrer direkt mit einem Klassenlehrer entwickeln und umsetzen kann. Andere tangieren Bereiche von Kollegen, die das für sich nicht wollen. Das muss respektiert werden! Auf der anderen Seite ist aber viel gewonnen, wenn diese Kollegen bereit sind, wohlwollend mitzudenken. Hier spielt ja auch eine kollegial-soziale Komponente hinein, denn auch durch kleine Zugeständnisse, die verkraftbar sind, können diese Kollegen die neuen Schritte der anderen unterstützen. Gewiss ist darunter nicht eine erzwungene Arbeit in Fachepochen zu verstehen. Aber die Bereitschaft, eine Stunde im Randstundenbereich zu akzeptieren, um anderen mehr Freiraum für einen beweglichen Stundenplan zu ermöglichen - solcherlei kollegiale Gesten sollten möglich sein.

Man wird einwenden können, dass die Deputatsfrage in der Waldorfschule ja nie so eng gesehen wird, da man ja immer auf eine Trennung von - nun ja: Gehalt und Arbeit bedacht sei. In der Praxis ist damit aber eben nicht nur eine Festlegung der Deputatsstunden im Stundenplan gemeint, sondern auch die einseitig ausgerichtete Erwartung, mehr zu leisten als vertraglich vereinbart ist. Darin aber liegt m. E. die Gefahr, in frühkapitalistische Verhaltensformen zurückzufallen.

Zu guter Letzt: Was ist davon zu halten, dass Rudolf Steiner nie als angestellter Lehrer in seiner Waldorfschule unterrichtet hat, tagtäglich, über mehrere Jahre? Dass er als Inspirator auftauchte und wieder verschwand? Was wäre geworden, wenn er selbst Kollege gewesen wäre? Wäre der Waldorf-Impuls dadurch nicht um ein Vielfaches verstärkt worden? Er gibt dazu eine überraschende Antwort:

„Ich selbst steckte niemals in einem Berufe darin. Wäre ich untergetaucht in einem Berufe, dann gäbe es heute keine anthroposophische Bewegung. Anthroposophische Bewegung ist doch etwas, was ganz frei von allem Traditionellen geschaffen worden ist. Der geringste Hang zu dem oder jenem würde die anthroposophische Bewegung unmöglich gemacht haben.

 Alle jene, welche nicht begreifen können, dass so etwas von Anfang an gemacht werden soll, sind Gegner der anthroposophischen Bewegung [...] Wenn dann eine anthroposophische Bewegung ehrlich ist, und die Jugend nötig hat, ehrlich zu sein, was ist dazu vor allen Dingen nötig? Mut! Den lernt man sehr schnell oder gar nicht. Wirklich Mut! Mut, sich zu sagen: Das Leben der Welt muss in seinen Fundamenten neu gegründet werden." (Jugendansprache während der anthroposophisch-pädagogischen Tagung in Arnheim, 20. Juli 1924, GA 217a)

 

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