Der Prinz und der Bettelknabe

Ein Stück von Peter Singer

Inmitten von Extremsituationen müssen Menschen sich bewähren.

Einer Legende nach soll Edward IV als Prinz tatsächlich eine Weile unter den Bettlern gelebt haben. Ob dies nun der Wahrheit entspricht oder nicht, sei zunächst dahingestellt. Der Gedanke an einen Tausch zweier menschlicher Individuen in völlig unterschiedliche Rollen bzw. Identitäten ist in jedem Fall interessant.

Durch ein Spiel, welches nach kurzer Zeit durch einen Zwischenfall unumkehrbar und somit zum unerbittlichen Ernst wird, entsteht für beide Beteiligten eine Extremsituation. Heutzutage könnte sie wohl rasch beendet werden, jedoch nicht zu jener Zeit des beginnenden 17. Jahrhunderts, als Stände und Klassen in der Bevölkerung noch als unverrückbar festgefügt galten. Das wird in dem Stück auch dadurch deutlich, dass man den Beteuerungen beider Jungen keinen Glauben schenkt. So müssen sowohl der Prinz als auch der Betteljunge sich mit ihrer neuen Rolle zunächst abfinden und aus der Situation das Beste machen, - und dies erzeugt den eigentlichen Reiz des Stückes, welches der amerikanische Schriftsteller Mark Twain ursprünglich als Roman verfasst hat. Die deutsch-österreichische Journalistin und Autorin Sybil Gräfin Schönfeldt nahm sich des Stoffes ebenfalls an, indem sie unter dem Titel Prinz und Betteljunge die recht weitschweifige Erzählung Twains auf geschickte Weise gekürzt und als lesenswertes Jugendbuch auch jüngeren Lesern zugänglich gemacht hat. Dieses Jugendbuch lag mir ebenfalls vor, als ich mich im Sommer 1999 daran machte, die Erzählung als Theaterstück zu schreiben.

Die Bedingungen für die Niederschrift waren damals allerdings auch einigermaßen extrem, während ich gerade zusammen mit meiner Familie den Sommerurlaub in Griechenland verbrachte. Unser Ferienhaus lag im Dorf Vergas, auf einem Bergesrücken oberhalb der Bucht von Kalamata. Die Tageshitze war so groß, dass konzentrierte Gedankenarbeit kaum möglich war. So stellte ich mir jeweils den Wecker auf vier Uhr und saß dann in der angenehmen Morgenkühle an einem wackligen Tisch etwas unterhalb des Hauses. Mein Blick ging über die herrliche Meeresbucht, während meine Gedanken im kalten nebligen England weilten. Es waren mir jeden Tag nur knapp zwei Stunden zum Schreiben vergönnt, aber das Stück nahm rasch Gestalt an. Mangels Laptop schrieb ich von Hand. Der Jugendroman der Schönfeldt war mir dabei ein hilfreicher Leitfaden.

 

Zu Inhalt und Aussage des Stückes möchte ich folgendes bemerken:

Edward legt seine königliche Würde auch unter erniedrigenden Umständen nicht ab und ist fortwährend darum bestrebt, wieder in seine Stellung als Herrscher über England zu gelangen. Dies tut er nicht aus Egoismus sondern aus dem Gefühl der Verantwortung für sein Volk. Das wird u. a. deutlich in seiner ablehnenden, ja gereizten Reaktion auf Miles Hendons Vorschlag, erst dessen eigene Besitzansprüche in dem kleinen Anwesen von Hendon Hall zu klären. Natürlich will Edward dem treuen Miles helfen, aber erst muss der richtige Thronfolger wieder an seinen Posten gelangen, damit dem Reich kein Unglück geschehe.

Edward wird aber auch selbst Zeuge von der Ungerechtigkeit und Falschheit, ja Grausamkeit vieler englischer Gesetze, die im Namen des Königs Anwendung finden. Er schwört sich, dies alles zu ändern, sollte er sein Königtum wieder zurückerlangen.

Tom wiederum hat sich sich in der nicht minder schwierigen Situation, in die er unverschuldet geraten ist, als Mensch zu bewähren. Er, der zu Hause immer nur geschimpft und geprügelt wurde und den man in der Öffentlichkeit als Bettler verachtet hat, entdeckt nun seine eigene Würde neu. Dabei lässt er sich von Sachlichkeit und Gerechtigkeitsempfinden leiten und entwickelt Entschlusskraft.

In der Szene, wo er die der Hexerei bezichtigte Frau und ihre kleine Tochter freispricht und begnadigt, leitet ihn nicht nur sein klarer Verstand sondern auch Mitleid und die Liebe zur eigenen Mutter. Und sein ausgeprägtes Wahrheits-empfinden wiederum lässt ihn angesichts der bevorstehenden Krönung große Reue und Sorge durchleben. Nichts Besseres kann ihm daher widerfahren, als dass kurz vor dem unumkehrbaren Schritt plötzlich der richtige Prinz auftaucht, an den er die Macht auch sofort wieder abgibt und ihm als erster huldigt.

Beide Jungen folgen also höheren Instinkten und dadurch fügt sich letztlich alles zum Guten, allerdings nicht ohne die Hilfe weiterer Menschen. So ist das Schicksal des Miles Hendon unabdingbar mit dem des Edward verknüpft. In demvom Schicksal gebeutelten Haudegen offenbaren sich Hilfsbereitschaft, Treue, Opfersinn aber auch Klugheit und Geistesgegenwart. Außerdem ähnelt sein Geschick auffallend dem des Prinzen. In Hugh Hendon wiederum leben sich Egoismus, Lügenhaftigkeit und Skrupellosigkeit dar. Miles und sein jüngerer Bruder Hugh verkörpern ebenfalls Polaritäten, nicht standesbezogene wie bei Tom und Edward, sondern moralische!

Für das Jugendalter sind all diese Charaktere sehr gut erfassbar. Daher eignet sich der Stoff unbedingt für eine achte Klasse. Die vielen grotesken Situationen, welche durch den Rollentausch von Prinz und Betteljunge immer wieder entstehen, sorgen zudem für genügend Komik und machen das Stück auf der Bühne zu einer Mischung von Drama und Komödie, - also genau dem, was sich in den Seelen Jugendlicher abspielt. Dieses Alter - auf dem Höhepunkt der Pubertät - liebt das Extreme, das Krasse, - und kann damit auch umgehen, denn hier fühlt es sich verstanden.

Peter Singer, Ostern 2017

 

Hinweis:

Für die Aufführung dieses Stückes im Frühjahr 2000 an der Freien Waldorfschule Heidenheim hat der Musiklehrer Dietmar Volz-Barth eine außerordentlich schöne Musik geschrieben.

Bei Interesse bitte direkt beim Komponisten anfragen:

Dietmar Volz-Barth, Hölderlinstr. 5, 89551 Königsbronn


Hier können Sie sich das Stück kostenfrei herunterladen:

Der Prinz und der Bettlerknabe

 

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