8-Klass-Jahresarbeiten: Biographien

Ein Beitrag von Hein Benkelmann (Freie Schule Hitzacker)

In vielen Waldorfschulen gibt es die Gepflogenheit, dass sich Achtklässler am Ende ihrer Mittelstufenzeit in einer Abschlussarbeit über einen längeren Zeitraum mit einer selbstgewählten Aufgabe beschäftigen. In der Freien Schule Hitzacker bekommen die Schülerinnen und Schüler die spezielle Aufgabe, sich mit einer Biographie auseinanderzusetzen. Hier sollen einige Gesichtspunkte aus der Menschenkunde und dem Lehrplan R. Steiners aufgezeigt werden, die zu dieser Auswahl geführt haben.

In den Grundschul- und ersten Mittelstufenjahren bilden und festigen sich beim Kind seelische Qualitäten auf ihrer leiblichen Grundlage, wie in keiner anderen Lebensphase. Die psychische-leibliche Konstitution, die in den ersten Kindheitsjahren noch stark von der Vererbung abhängt, bekommt nun zunehmend eine persönlichere Prägung, d.h. Gewohnheiten und Neigungen, das Gedächtnis, das Temperament und besonders auch der Charakter prägen sich der leiblichen Grundlage ein. Hier können bildhafte Darstellungen von charakteristischen Menschen aus der Geschichte und anderen Quellen, die der Identifikation dienen, einen tiefen Eindruck machen und zu dieser Festigung des Charakters beitragen.

Gegen Ende der Mittelstufe erwacht ein erstes Erleben des eigenen geistigen Wesens und damit beginnt die eigene Biographie zur Frage zu werden. Ich und Welt drohen endgültig auseinanderzufallen und müssen neu verbunden werden. In dieser Zeit besteht für den Jugendlichen die Herausforderung seine freiwerdende Persönlichkeit an Ideen und Ideale anzuschließend und sie nicht nur an die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse zu binden.

Darum soll, was zuvor in lebensvollen, impulsierenden Bildern aufgenommen wurde, jetzt vom Verstand ergriffen werden. Charakterzüge, die an den bildhaften Beispielen der vergangenen Schuljahre mehr träumend, gefühlsmäßig entgegengenommen wurden, werden jetzt bewußter betrachtet. Halb bewusst vergleicht sich der junge Mensch selbst damit. Was treibt einen Menschen an, wie setzt er es um, wo stellen sich ihm Hemnisse aus seinem eigenen Wesen entgegen, wo ist ein Bruch in seinem Wesen usw? Rudolf Steiner regt sogar an, in diesem Alter kleine Charakteristiken schreiben zu lassen. Im Schauspiel wird erübt, in eine Charakterrolle zu schlüpfen, besonders wenn es sich um barocke Stücke handelt: Der aufbrausende Vater, der erfolglos versucht, seine Tochter zu erziehen, die scheinheilige Köchin, die alles mitbekommt und aus dem Hintergrund agiert usw. Weiterhin kann an der Biographie Schillers etwa im Deutschunterricht erlebt und beurteilt werden, wie sich die Jugendideale eines Menschen zu verwirklichen suchen. Solche Beispiele spiegeln sich in seiner Seele und können dem jungen Menschen Mut machen, eigene Ideale zu suchen und zu leben.

In einer Jahresarbeit, die eine Biographiearbeit ist, kann dies natürlich in einer ganz besonderen und ausführlichen Weise geschehen. Auch die erwachende Liebesfähigkeit, die ja viel mehr ist als Sexualität, die sich mit Interesse hinwenden will zum anderen Menschen, wird bei der intensiven Beschäftigung mit einer Biographie gefördert.

Neben einer schriftlichen Ausarbeitung und einem öffentlichen Vortrag bekommen die Schülerinnen und Schüler in Hitzacker aber auch den Auftrag, mit einer praktischen Arbeit, die im Zusammenhang mit ihrer gewählten Persönlichkeit und deren Lebenswerk steht, sich dieser zu nähern. Wer sich einen Maler oder Bildhauer wählt, versucht sich meist mit nachempfundenen Bildern oder Plastiken. Eine Schülerin wählte die Biographie Anne Franks und baute dann in einem Modell die versteckte Wohnung nach, um sich in diese Lebenssituation hineinzufühlen. Modelle von Maschinen usw. werden auch oft bei Erfindern und Entdeckern gebaut. Die Biographie der taubblinden Helen Keller veranlasste einen Schüler, das Fingeralphabet zu lernen.

Jedes Jahr kann man immer wieder die Zuhörer der Vorträge sagen hören, wie außergewöhlich sie es erleben, dass ein Jugendlicher in diesem Alter sich so intensiv mit einem anderen Menschen beschäftigen kann. Und immer wieder hört man sagen, es gibt doch nichts Spannenderes als das Leben eines Menschen.

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