Bedeutung und Entwicklung der unteren Sinne

Ein Beitrag von Rita Pätzold (Waldorfkindergarten Heilbronn)

Vom Greifen zum Begreifen

Das kleine Kind lernt durch das Wahrnehmen mit allen Sinnen, nicht durch Belehrungen. Das ist die beste Grundlage für das spätere schulische Lernen. So wird im Waldorfkindergarten konsequent darauf geachtet, dass die Kinder genügend Anregungen für die Sinne bekommen und ausreichend Möglichkeiten zum Üben der Sinnestätigkeiten vorfinden. - Im Folgenden gehe ich auf die Entwicklung und Pflege der Sinne im Kindergartenalter ein. Dabei zeigt sich, dass die Sinnespflege in der Erziehung immer auch einen heilenden Aspekt hat.

 

Lernen durch die Sinne

Sich selbst zu erfahren im eigenen Körper und mit wachem Interesse die Umwelt erforschen sind die großen Lernaufgaben des kleinen Kindes. Was wir von der Welt wissen, das wissen wir durch die Wahrnehmung. Das gilt ohne Ausnahme! Diese elementare Tatsache macht das Wahrnehmen zu einem so selbstverständlichen und unbewussten Vorgang, dass wir in der Regel ganz vergessen, welchen bedeutenden Schatz wir mit unseren Sinnen besitzen. Unsere Sinne sind die Tore zur Welt. Sie empfangen Botschaften von allen Qualitäten der Welt um uns her: Licht, Farbe, Gewicht, Rauigkeit, Glätte, Bewegung, Form, Geschmack, Geruch, Klang, Kälte, Wärme, Wort, Gedanke...

An diese Fülle der Wahrnehmungen schließt sich die verarbeitende Tätigkeit des Denkens an. Wir ordnen und formen alles Gesehene, Gehörte und Gespürte. So kommt es zu Informationen, die verstanden werden können. Dazu gehören auch Verknüpfungen mit vorher Erlebtem. Es werden Sinnzusammenhänge gebildet. Das Erlebte wird der Seele eingegliedert und gewissermaßen „verdaut". Vom Ergreifen führt der Weg zum Begreifen, zur eigenen Erkenntnis, zur geistigen Aneignung. Dies ist die Grundlage für die Entwicklung unserer individuellen Intelligenz.

Das kleine Kind erlebt sich und die Umwelt zunächst noch als eine Einheit. Es ist noch ganz Sinnesorgan. Alle Sinneseindrücke wirken noch unmittelbar auf den physischen Organismus und prägen dessen Aufbau. Man kann sagen, in diesem frühen Alter werden Sinneseindrücke noch gleichsam einverleibt. Dabei unterstützen nur anregende Sinneseindrücke einen gesunden Leibaufbau, nicht aber eine Reizüberflutung.

Die Sinne vermitteln dem Kind zunächst ungefilterte Eindrücke. Es ist mit all seinen Sinnen unmittelbar mit der Umgebung leiblich und seelisch-geistig verbunden. Das Kind nimmt die Welt so wahr, wie sie sich durch seine Sinne offenbart. Erst allmählich lernt es durch Erfahrung zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Innen und Außen, zu unterscheiden. Dabei ist zum größten Teil der Tastsinn beteiligt, aber auch alle anderen Sinne.

 

Welterfahrung durch Mittun

Wer die Welt erforschen will, muss sich auf den Weg machen. Für Kinder bedeutet dies zunächst greifen, tasten, schmecken, riechen, hören und sehen. Später dann: gehen, springen, klettern, balancieren, Seilhüpfen, graben, Sandburgen bauen, experimentieren, malen, kneten, backen, kochen nähen, schrauben, im Wasser plantschen und vieles mehr. Die Kinder wollen aus eigener Erfahrung wissen: Wie fühlt sich Wasser an? Wie klingt Metall? Wie Holz? Wie riechen Tannennadeln? Wie schmeckt Käsekuchen?

Dabei ist die angeborene Fähigkeit nachzuahmen die vorwiegende Quelle des Lernens im l. Jahrsiebt. Durch sie kann das Kind die Sinneseindrücke nicht nur unmittelbar und intensiv genießen, sondern auch mit Hilfe körperlicher Eigenbewegung mitvollziehen. Diese nachahmende Eigentätigkeit ist zugleich auch die Grundlage für die Ausbildung der sensiblen und motorischen Funktionen des Körpers. Es wird in der heutigen Zeit viel zu wenig beachtet, in welch hohem Maße Wachstum, Entwicklung und Erhaltung des Organismus durch die Art seiner tätigen Inanspruchnahme geprägt wird.

So ist auch Liebe im Kleinkindalter eine ganz konkrete leibliche Erfahrung. Liebe äußert sich in tausend kleinen Gesten - wie das Kind gehalten wird, ob auf seine leiblichen Bedürfnisse geachtet wird, wie es geschaukelt, gewiegt wird. Sicherheit erfährt das kleine Kind dadurch, dass es Halt erlebt. Halt kann jedoch nur der Erwachsene geben, der sich selbst als gehalten empfindet. Das Kind nimmt sehr fein wahr, was wahrhaftig ist. Nur ein Kind, das sich geliebt und wahrgenommen fühlt, wird sich der Welt ganz zuwenden. Durch die Sinne erfährt es, dass es der Welt vertrauen kann.

Hier stellt sich natürlich die Frage, inwieweit unsere heutigen Lebensumstände die Ausbildung der Sinne fördern, oder ob sie vielleicht sogar schädigend wirken. Der Schweizer Pädagoge Willi Aeppli schreibt dazu: „Von zwei Seiten her droht den Sinnen eine Gefahr. Vom rein intellektuellen abstrakten Denken her - und von Seiten des heutigen Zivilisationslebens mit allen seinen technischen Errungenschaften." (1) Angesichts einer zunehmenden Beeinträchtigung und Schädigung der menschlichen Sinne in der modernen technisierten Welt, kommt der Sinnespflege heute eine ganz besondere Bedeutung zu. Für das Kind mit Verhaltensauffälligkeiten kann Sinnespflege sogar therapeutisch heilend eingesetzt werden.

 

Zwölf Tore zur Welt

Es ist das große Verdienst Rudolf Steiners, dass die medizinisch-therapeutische Bedeutung der Sinnesorganisation und der Sinnespflege für die Pädagogik entdeckt wurde. Dabei hat er auch Sinnesbereiche erschlossen, die bis dahin noch nicht als solche erkannt worden sind. In zahlreichen Schriften und Vorträgen beschreibt er zwölf Qualitäten der Wahrnehmung, die er jeweils einem eigenen Sinn zuordnet. Ein „Sinn" ist nach dieser Definition eine Wahrnehmungsfähigkeit, durch die der Mensch, ohne Zuhilfenahme des Verstandes, von einem bestimmten Bereich seiner Existenz und Lebenswelt unmittelbar Kunde erhält.

Wer in diese Richtung einmal seine Beobachtung lenkt, wird bald bemerken, wie sich ganz neue Aspekte der Wirklichkeit erschließen.

 

Wir können drei Sinnesbereiche unterscheiden:

  • die „unteren" Sinne, auch Basal- oder Leibessinne genannt. Sie geben uns eine Rückmeldung über unseren Körper. Dieser Sinnesbereich ist eng mit dem Willen verbunden. Wir brauchen diese Sinne, wenn wir etwas praktisch umsetzen wollen. Es sind der Lebenssinn, der Tastsinn, der Bewegungssinn und der Gleichgewichtssinn
  • die „mittleren" Sinne, auch Gefühlssinne oder Seelensinne genannt. Mit diesen Sinnen nehmen wir die uns umgebende Welt wahr. Ganz eng mit diesen Wahrnehmungen sind Gefühle von Sympathie und Antipathie verquickt. Ein anderer Begriff für diese Sinnesgruppe könnte aber auch „Weltsinne" sein. Dazu gehören der Geruchsinn, der Geschmacksinn, der Sehsinn und der Wärmesinn
  • die „oberen" Sinne, auch Erkenntnis- oder Sozialsinne genannt. Sie offenbaren uns die Welt des Geistes, aus dem das Wort und die Sprache kommen, wie auch die Individualität, das menschliche Ich. Diese Sinne sind besonders auf die Wahrnehmung des Gegenübers gerichtet. Dazu gehören der Gehörsinn, der Sprachsinn, der Gedankensinn und der Ichsinn.

Die folgende Ausführung beschränkt sich nur auf die vier „unteren" Sinne und die damit verbundenen Basiskompetenzen, denen wir im Kindergarten ganz besonders unsere Aufmerksamkeit widmen. Es geht hier um die Wahrnehmung des eigenen Körpers und die Entwicklung von Geschicklichkeit, Beweglichkeit und Gleichgewicht. Wer ein Haus baut, muss sich als erstes um das Fundament kümmern. Wenn dieses stabil ist, kann weiter darauf aufgebaut werden. Das gilt auch für die menschliche Entwicklung. Ein gesundes, gutes Körpergefühl ist die Basis für alle weitere Entwicklung. Wenn in der späteren Schulzeit Schwierigkeiten beim Rechnen, Schreiben und Lesen auftreten, wird man auch auf die Entwicklung der basalen Sinne schauen. Oft ist eine nachträgliche Förderung gerade dieser Sinne notwendig.

 

Lebenssinn und Urvertrauen

Dieser Sinn ist gerichtet auf unser körperliches Befinden. Hunger, Durst, Müdigkeit, körperliches Unwohlbefinden, Harmonie- oder Disharmonieerleben werden durch diesen Sinn wahrgenommen. Auch alle Organwahrnehmungen gehören dazu. Bei Normalfunktion ist diese Wahrnehmung jedoch nur die unbewusste Grundlage des allgemeinen Wohlbefindens. Wenn ein Organ erkrankt, tritt auch eine entsprechende Wahrnehmung für den Vitalsinn auf, die wir meist erst bemerken, wenn sie mit Schmerzen verbunden ist. Schmerz ist immer eine Störung des Lebens- oder Vitalsinns. Das Organ zur Wahrnehmung für diesen Sinn ist das vegetative Nervensystem.

Wenn der Lebenssinn gepflegt wird, entsteht eine Grundzufriedenheit oder auch ein Gefühl von „Durchbehaglichtsein", was zu einem Urvertrauen führt. Sich zu Hause fühlen im eigenen Körper bringt eine grundlegende Daseinorientierung mit sich. Jede leibliche Unpässlichkeit dagegen wirkt desorientierend auf den Lebenssinn. Deswegen ist unsere vorrangigste Aufgabe beim kleinen Kind immer wieder darauf zu achten, dass es sich wohlfühlt! Für ausreichend Schlaf sorgen, angenehme Körperkontakte, Körperpflege sowie Ernährung und angemessene Bekleidung gehören zur Lebenssinnpflege dazu. Dabei spielt es eine Rolle, ob ich mit seelischer Anteilnahme bei den pflegerischen Tätigkeiten dabei bin. „Muße und Andacht sind die Begriffe, mit der sich am besten die seelische Grundhaltung beschreiben lässt, von der alles getragen sein sollte, was wir äußerlich in Bezug auf Ernährung, Wärmung, Körperpflege, Rhythmus und Schlafpflege für die Lebenssinnreifung tun können, weil andernfalls die äußeren Verrichtungen ins Leere gehen." (2)

Eine ganz wesentliche Bedeutung für die gesunde Entwicklung und Stabilisierung des Lebenssinns hat somit auch die rhythmische Gestaltung des Alltags. Für uns im Kindergarten bedeutet Pflege des Vital- oder Lebenssinns deshalb zunächst eine gute und sinnvolle Durchgestaltung des Vormittags. Phasen der Anspannung und Entspannung wechseln sich ab. Nach dem Freispiel kommt ein geführter Teil. Nach dem gemeinsamen Frühstück folgt ein freies Spiel im Garten usw. Wir bezeichnen diesen Rhythmus als ein gesundes „Ein- und Ausatmen". Wir achten auch auf die Lautstärke im Raum! Es gibt immer wieder Stille-Inseln im Tageslauf. Das Essen wird in Ruhe und Muße eingenommen. Pflegerische Bedürfnisse der Kinder, vor allem der Kleinen, werden liebevoll und sorgfältig befriedigt. Eine Pflege des Vitalsinns betreiben wir auch durch das Singen. Eine freudige, heitere Stimmung tut den Kindern gut.

Wir schaffen im Kindergarten eine „ Tätigkeitshülle". Die Kinder können den Erwachsenen eingebunden in sinnvolle Arbeitsprozesse erleben. Sinnvoll heißt insbesondere „mit den Sinnen nachvollziehbar". Dabei führen wir unsere Tätigkeiten ruhig und achtsam aus. Zu diesen Tätigkeiten gehören die Frühstücksvorbereitungen wie Brot backen, Äpfel schneiden, Brote richten, Mehl malen und anderes mehr. Die Tätigkeiten kehren rhythmisch im Wochenlauf immer wieder. Jahreszeitlich gebunden dreschen wir, binden kleine Erntesträuße, basteln Laternen, höhlen Kürbisse aus, schneiden Tannenreisig, richten kleine Krippengärtchen, kneten mit Bienenwachs Maria und Joseph, malen Ostereier an, wickeln Häschen aus Wolle, stellen Sommerbälle aus Heu und Stoff her und üben viele andere Tätigkeiten aus. Das Wiedererkennen und Vertiefen dieser Tätigkeiten vermittelt den Kindern Geborgenheit und Sicherheit.

Auch die sorgfältige, zurückhaltende Raumgestaltung wirkt positiv auf den Lebenssinn. Zur Raumgestaltung gehört viel Holz, gepflegt durch wohlriechende Öle. Die Formen und Farben der Möbel sind angenehm. Scharfe Kanten und Ecken werden vermieden. Die Farben im Raum wirken wohltuend und anregend, aber nicht erschlagend. Einige schöne Kunstdrucke regen an zum Betrachten, drängen sich aber nicht auf.

Auch die äußere Gestaltung des Kindergartens ist von einer besonderen Art. Das Kindergartengebäude wirkt durch das heruntergezogene Dach sehr anheimelnd. Viel Grün im Garten lockert das Gesamtbild auf. Die Pferde, Schafe und Hühner im Schulgarten schauen zu uns herüber und ihre Tierstimmen wirken außerordentlich beruhigend. Unser Garten gibt den Kindern Hülle und gleichzeitig ist er groß genug zum kreativen Spielen und Entdecken. - So könnte man noch unendlich viele Beispiele zur Pflege des Lebenssinns finden in der Gestaltung des Vormittags und der Umgebung, im Umgang der Kindergärtnerin mit den Kindern, sowie bei den Gestaltungs- und Erfahrungsräumen, die wir den Kindern zur Verfügung stellen.

Kinder, bei denen der Lebenssinn gestört ist, können durch Unruhe auffallen, durch ständiges Zappeln, durch zwanghaftes Verhalten oder sie sind „nicht bei sich". Sie können sich nicht konzentrieren und übertönen sich gern selbst. Sie müssen ständig etwas unternehmen, um ihr Unwohlsein nicht zu spüren. Diese Kinder brauchen besonders die Erfahrung von Angenommensein in ihrer Leiblichkeit. Pflegende Tätigkeiten, die rhythmische Gestaltung des Tages, seelische Wärme sowie Verlässlichkeit helfen ihnen, sich in ihrem Leib zu Hause zu fühlen.

Kinder sollten mit der Zeit lernen, Abweichungen vom Wohlbefinden immer besser auszuhalten. Damit befreit sich das Seelische von der Dominanz des Körperlichen. Wird dieser Schritt hingegen nicht oder nur unvollständig vollzogen, bleibt der Mensch auch später in hohem Maße abhängig von seinem Körper und seinen Bedürfnissen. Selbstständigkeit kann nur eintreten, wenn man Bedürfnis und Befriedigung zu trennen vermag. Aber auch wir Erwachsene können vielleicht bei uns selbst Störungen des Lebenssinns feststellen. Wir müssen dann gut für uns selbst sorgen! Vielleicht braucht man öfters kleine Pausen, eine Massage oder muss mehr auf die eigene rhythmische Tagesgestaltung achten. (3)

 

Tastsinn und Selbstgefühl

Der Tastsinn ist über die ganze Haut ausgebreitet. Seine Organe sind unzählige kleine, feine Nervenendungen und spezialisierte Tastkörperchen. Wir haben ununterbrochen Tasterlebnisse. Wenn wir das Tasterleben ausschalten würden, wäre ein weitreichender Orientierungsverlust die Folge.

Die Tastwahrnehmung ist die innere Resonanz auf den unmittelbaren, physischen Außenkontakt. Daran nimmt das Seelenleben auch teil. Grenzerlebnisse geben uns das Vertrauen nicht ins Bodenlose zu stürzen. Wir wollen gehalten sein - das vermittelt uns ein Gefühl von Geborgenheit, eine existenzielle Sicherheit. Das Kind spürt: Ich stoße an die Welt an, ich bin da! Es braucht Erlebnisse sowohl vom sicheren Getragensein, als auch von Auseinandersetzungen, in denen der andere stand hält - z.B. bei Trotzanfällen. Solche Erfahrungen bilden die Grundlage für das spätere bewusste Existenzvertrauen.

Durch Tastsinnerfahrungen sucht das Kind auch das Wesen des anderen Menschen zu erfahren. Äußere Geborgenheit bleibt unvollständig, wenn das innere Angenommensein nicht damit verbunden ist. Ein Kind fühlt, ob eine Berührung liebevoll oder besitzergreifend ist.

Die Sehnsucht nach Verbundenheit ist ein Aspekt des Tastsinns. Tastend erleben wir die äußere Welt tief innerlich und sind dadurch erst in der Lage, uns verstehend ihr zuzuwenden. Diesseits der Grenze bin ich. Jenseits der Grenze ist das Andere. Die Haut ist das Organ, wo das Andere mich berührt. So entsteht eine Ich-Welt-Beziehung. Dadurch kann es überhaupt erst zu einem Ich-Erlebnis kommen. Alle weiteren Autonomieschritte sind nur auf dieser Basis möglich.

Erst durch das Ertasten der Welt entsteht die tiefe Gewissheit ihres und unseres wahrhaftigen Vorhandenseins. Diese Gewissheit nennt Rudolf Steiner auch das „Durchdrungensein mit der Gottsubstanz". „Ursprünglich waren wir eins mit dem Kosmos, dann haben wir uns von ihm getrennt, und alles menschliche Streben ist nichts anderes als der Versuch, wieder an dem Haus anzuklopfen, aus dem wir vertrieben worden sind. Doch die Tür ist verschlossen. Jede Tasterfahrung ist nichts anderes als ein Anklopfen an dem Haus, aus dem wir vertrieben worden sind. Das hat durchaus nichts Tragisches an sich, denn weil wir dort herausgeworfen worden sind, kommen wir nun wirklich zum Bewusstsein unserer selbst." (4)

Da die Zeit der Entwicklung für den Tastsinn besonders die ersten Lebensjahre sind, ist uns die Pflege des Tastsinns im Kindergarten ein besonderes Anliegen. Das erste, was im Waldorfkindergarten auffällt, ist das Spielzeug. Wir haben kein Spielzeug aus Plastik, sondern geben den Kindern Gegenstände aus der Natur oder Naturmaterialien zum Spielen. Plastik fühlt sich immer gleich an und täuscht die Sinne. Zum Beispiel ist etwas, was sehr groß ist und schwer sein müsste, federleicht. Oder: Bausteine, die man aufeinander stellt, halten immer zusammen - dabei müssten sie eigentlich umfallen.

Uns geht es bei den Naturmaterialien auch um die Vielfalt der Tasterlebnisse: rau, glatt, warm, kalt, fasrig, zart... Alle diese feinen Unterschiede werden tastend wahrgenommen und helfen den Tastsinn differenzierend auszubilden. Drinnen, im Kindergarten, gibt es Materialien wie verschiedene Stoffe, Wolle, Hölzer, Zapfen, Steine, Muscheln - und draußen Sand, Erde, Wasser, Steine, Stöckchen ...

Tasterlebnisse hat das Kind auch bei den Finger- und Berührungsspielen. Die Kinder lieben Spiele wie: „Hoppe, hoppe Reiter" oder „Pizzabacken" auf dem Rücken. Bei dem Spiel: „Rückedibück, rückedibück, wie viel Hörnlein hat die Brück?" müssen die Kinder raten, wie viel Finger sie auf ihrem Rücken spüren können. Die ganz Kleinen lieben es, wenn „die Maus" den Arm hochkrabbelt und „der Herr im Haus" an die Nasenspitze gefasst wird. Wenn Kinder ins Toben geraten, sind sie mit solchen Berührungsspielen wieder gut zurückzuholen. Sie kommen durch das Tasterlebnis wieder zu sich.

Beim Plastizieren mit Bienenwachs wird der Tastsinn besonders angenehm angesprochen. Das warme Bienenwachs lässt sich hervorragend formen. Hinterher wird liebevoll und achtsam ein duftendes Öltröpfchen verteilt - ein wunderbares Tastsinnerlebnis.

Auch das gemeinsame Backen im Kindergarten ist ein Fest für die Sinne. Der geschmeidige Teig wird gerollt, geklopft, geknetet und geformt. Anschließend werden ganz fein kleine Sesamkörnchen auf die Brötchen gestreut. Spannend ist es dann durch die Scheibe zu beobachten, wie der Teig im Ofen aufgeht. Im Morgenkreis gibt es anschließend ein kleines „Probiererle". Das schmeckt köstlich! Das kann man im Mund zergehen lassen - mit geschlossenen Augen.

Ein anderer Bereich ist der Umgang der Kindergärtnerin mit dem einzelnen Kind. Wie fasse ich das Kind an, wenn ich etwas von ihm will? Anfassen hilft oft, wenn ein Kind nicht hört! Oder wir nehmen Kinder auf den Schoß, wenn sie Angst haben oder Trost brauchen. Kinder wollen manchmal auch nur kuscheln oder sich anlehnen. Den Erwachsenen zu spüren kann helfen sich aufzurichten, wieder den Mut zu finden „allein in der Welt zu stehen". Wichtig ist sich wieder zurückzuziehen, wenn das Kind einen nicht mehr braucht. Manchmal sind wir so etwas wie „Botte" - Zuflucht und Schutz für eine bestimmte Zeit. (Der Begriff „Botte" stammt von den alten Kinderspielen und meint einen Ausruhplatz.)

Ein wesentliches Übfeld des Kindes ist der Umgang mit den anderen Kindern. Wie oft stoßen sie sich aneinander! Für manche Kinder ist es schwierig ein anderes Kind anzufassen. Viele Grenzerfahrungen werden hier gemacht.

Kinder, die sich selbst nur wenig spüren, ecken oft an. Manche Kinder können ihre Hände gar nicht bei sich behalten und erleben dann schmerzhaft, wenn sie den anderen zu nahe kommen. Das ist eine Form der Tastsinnstörung. Andere Kinder, die ihren Tastsinn nicht genug entwickeln konnten, zählen eher zu den ängstlich-zaghaften Kindern. Man kann bei ihnen eine Überempfindlichkeit beobachten und wegen „Kleinigkeiten" gibt es ständig Theater. Sie haben Probleme mit kratziger oder zu enger Kleidung und sind „dicht am Wasser gebaut", wenn etwas nicht so ist, wie es sein sollte. Diese Kinder brauchen ganz besonders unsere Geduld. Man sollte bei ihnen auch hinschauen auf ein Gefühl von Gekränktheit. Die Wertschätzung, derer sie bedürfen, muss vor allem Fürsorge, Teilnahme und beschützende Nähe ausdrücken. Bei beiden Arten von Störungen im Tastsinnempfinden fehlt ein adäquates Form- und Hüllengefühl.

 

Bewegungssinn und Freiheitserleben

Auch der Bewegungssinn hat eine ganz entscheidende Bedeutung für die gesamte körperliche Entwicklung. Sich bewegen ist eine Grundfähigkeit des Menschen und von Anfang an vorhanden. Und doch müssen wir lernen uns zu bewegen. Je geschickter und koordinierter ein Kind sich zu bewegen lernt und seinen Bewegungssinn aktiviert, um so differenzierter und leistungsfähiger wird auch das Nervensystem, das all die Bewegungsformen wahrnimmt, sie verarbeitet und daran selber heranreift. Diese Wahrnehmung von Bewegungsabläufen geschieht durch die sogenannten Muskelspindeln, die das Ausdehnen und Zusammenziehen von Muskeln registrieren, ebenso durch Rezeptoren in den Gelenken und in den Sehnen.

Heute wird eine altersgemäße Bewegungsförderung immer wesentlicher, weil die Kinder sich generell viel zu wenig bewegen! Immer mehr Kinder fallen durch Haltungs- und Skelettschäden bei der Schuluntersuchung auf. „Untersuchungen haben ergeben, dass sich die psychomotorischen Fähigkeiten, also Geschicklichkeit, Gleichgewichts- und Orientierungssinn, und die Koordination, also das Körpergefühl von Kindern und die Kondition, also Ausdauer, Schnelligkeit und Anstrengungsbereitschaft, deutlich verschlechtert haben. So ist es keine Ausnahme mehr, wenn Kinder keinen Ball mehr fangen können, nicht mehr auf einem Bein stehen, nicht hüpfen und nicht rückwärts gehen können." (5)

Eine genügende Bewegungsentwicklung sichert uns unsere Autonomie - eine freie innere Beweglichkeit, für die der physische Leib kein Hindernis, sondern ein feines, fügsames Wahrnehmungs- und Ausdrucksinstrument darstellt. Man muss sich in seinen Bewegungen selber spüren, damit man sich frei bewegen kann. Ein sicheres Gespür für die eigenen Bewegungsabläufe vermittelt eine gute Orientierung. Mit der Entwicklung des Bewegungssinns ist ein Gefühl von Freiheit verbunden. Kinder, die sich in ihren Bewegungen erproben dürfen, haben ein ganz anderes Lebensgefühl.

Wenn Kinder sich zu wenig bewegen, hat das noch andere Folgen. Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen Bewegung, besonders zwischen der Feinmotorik der Hand, und der Sprache. Die Sprachentwicklung kann durch eine Schulung der Feinmotorik gefördert werden. Auch die Gehirnforschung hat inzwischen bestätigt, dass ein enger Zusammenhang zwischen körperlicher Bewegung und kognitiven Fähigkeiten besteht. Vor dem Begreifen, kommt das Greifen! Nach dem heutigen Stand der Forschung sind Vorstellungs- und Abstraktionsvermögen, Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Lernen und Intelligenz eng mit der Fähigkeit körperlicher Bewegung verbunden. (6)

 

Man kann vier Kategorien von Bewegungsfähigkeit unterscheiden:

  • Beweglichkeit und Geschmeidigkeit, die durch laufen, hüpfen, springen, Sport usw. geübt werden. Der Körper wird beherrscht und es entsteht Bewegungssicherheit.
  • Die Fähigkeit sich mitzubewegen und mitschwingen zu können. Das wird gebraucht beim Seilspringen, beim Fahrradfahren und vor allem beim Reiten und beim Tanzen.
  • Geschicklichkeit, die im Umgang mit Materialien, Gegenständen oder Werkzeugen erworben wird. Auch zum Erlernen eines Musikinstrumentes braucht man diese Fähigkeit.
  • Bewegung als Ausdruck. Befindlichkeiten werden durch Gesten oder bestimmte Körpergebärden ausgedrückt.

Je mehr Ausdrucksmöglichkeiten uns zur Verfügung stehen, desto sicherer sind wir in der Kommunikation.

Im Kindergarten pflegen wir den Bewegungssinn bei den vielfältigen handwerklichen, künstlerischen und hauswirtschaftlichen Tätigkeiten. Auch das freie Spiel bietet zahlreiche Möglichkeiten grob- und feinmotorische Fähigkeiten zu üben. Ganz besonders fördernd für den Bewegungssinn sind der Reigen und die vielen Handgesten- und Fingerspiele. Beim Reigen werden die eigene Körperbeherrschung sowie das Mitschwingen mit den anderen geübt.

Ein gut durchgeführter Reigen hat lebhafte und bewegte, sowie feine und zarte Elemente. Die Kinder machen lustvoll mit und bewegen sich dabei zu kleinen Verschen und Liedern. Wenn es heißt „In der Erde tief, ein Samenkorn schlief. Es reckte sich und strecke sich und rief - A -jetzt bin ich da!" ahmen die Kinder das Wachstum des Samenkorns nach. Zunächst kauern sie auf dem Boden, dann recken und strecken sie sich und werden groß. Später wiegt der Wind die Halme hin und her und vor und zurück. Wieder schlüpfen die Kinder in ein Bild und bewegen sich dazu. Wenn im weiteren Verlauf das Korn in der Mühle gemahlen wird, bewegen die Kinder ganz fein die Handflächen aufeinander. Beim Regen dürfen sie auf den Boden trommeln, mit der ganzen Hand klatschen oder mit den Fäusten den Donner nachahmen. Am Schluss traben die Pferdchen wieder munter in den Stall. So wird im Reigen der Bewegungssinn umfassend angesprochen.

Auch die alten Kinderspiele sind hervorragende Übungen für den Bewegungssinn. Hüpfkästchen, Zehnerlesprobe, Gummitwist, Kreiseln - leider haben unsere heutigen Kinder kein eigenes Repertoire mehr. Stelzenlaufen, Seil schwingen, Pedalo fahren, Laufroller - es gibt so viele wunderbare Möglichkeiten sich zu erproben und schwierige Bewegungsabläufe zu erlernen. Einfach gehen, auch mal eine lange Stecke, tut den Kindern für ihre Bewegung auch sehr gut. Viele werden so viel herumgefahren, dass das einfache Gehen zu kurz kommt.

Ganz besonders sind auch ausgedehnte Aufenthalte im Freien und im Wald als gutes Übungsfeld für den Bewegungssinn zu empfehlen. Wir sind jeden Tag, bei jedem Wetter, mit den Kindern draußen im Garten oder machen einen Spaziergang. Das freie Spiel im Garten ist bei Kindergartenkindern eine Notwendigkeit. Und wenn wir mit den Kindern in den Wald gehen, stellen wir immer wieder fest, dass wir ausgesprochen ausgeglichene und zufriedenen Kinder haben. Die Kinder kommen hier ganz und gar auf ihre Kosten! Bewegen ist einfach ihr Element.

Schließlich ist hier auch die Eurythmie zu nennen, die den Bewegungssinn in besonderer Weise ausbildet. Dabei kommt zu dem einfachen Bewegen nach Versen und Liedern noch die Gestaltung von Sprache und Musik hinzu. Diese Bewegungen sind deshalb noch feiner und differenzierter.

Störungen des Bewegungssinns zeigen sich, wenn Kinder in Bewegungsabläufe nicht eintauchen können. Sie können sich nicht, oder nur schwer, nachahmend mitbewegen. Oft ist damit eine traurige und grüblerische Grundhaltung verbunden. Wenn Konflikte mit anderen auftreten, ziehen sich diese Kinder verzagt und verschreckt zurück. Das latent bewegungsgestörte Kind, das kein Empfinden des lustvollen Bewegens entwickeln konnte, hat keine Freude am Mittun. Bei Bewegungsspielen steht es verloren herum oder es läuft in die andere Richtung. Das Kind fühlt sich ungeschickt und verwirrt. Vielleicht versucht es dieses unangenehme Gefühl zu kompensieren, indem es in einen ziel- und planlosen Aktivismus verfällt. - Es gibt natürlich auch Kinder, die nicht mitmachen, weil sie zu scheu sind, aber innerlich jede Geste und jede Bewegung mitmachen und dies bei einer anderen Gelegenheit, wo sie sich sicherer fühlen, umsetzen können.

Auch beim Erwachsenen können Zustände auftreten, in denen er das Gefühl hat, nicht mehr innerlich mitgehen zu können, den roten Faden zu verlieren, und in denen er wie „außen vor" steht. Das kann in einem Gespräch oder auch bei einem geselligen Zusammensein passieren. Nur reagiert man dann nicht mit Panik, sondern mit Gefühlen von Verzagtheit oder des Ausgeschlossenseins. Auch hier kann eine Störung des Bewegungssinns vorliegen.

Fördernd für den Bewegungssinn ist alles, was das differenzierte Bewegen anspricht. Es ist hilfreich das Kind viel nachahmen zu lassen, es immer wieder in Bewegungsabläufe einzubinden. Manchmal wird auch ein therapeutischer Nachreifungsprozess notwendig sein, der nur in der Einzelförderung helfen kann. Kinder mit gestörtem Bewegungssinn sind im Gruppengeschehen schnell überfordert und brauchen einen ruhigeren und persönlicheren Rahmen. Hier möchte ich die Heileurythmie als eine wunderbare Möglichkeit der Förderung erwähnen.

 

Gleichgewichtssinn und Selbstsicherheit

Das Organ für den Gleichgewichtssinn ist im Ohr, dicht neben dem Innenohr. Jede noch so feinste Lageveränderung wird hier wahrgenommen. Gleichgewichtssinn und Bewegungssinn hängen eng zusammen. Alle Bewegungsabläufe müssen ständig ausbalanciert werden.

Wie alle Sinne kann der Gleichgewichtssinn sich nur entwickeln, wenn er viele und auch vielfältige Stimulationen hat. Müssen wir denn balancieren können? Denken Sie an einen Waldweg. Der Boden ist uneben. Unter dem Laub sind Löcher, Steine und Wurzeln verborgen. Ständig gibt es Überraschungen. Jeder Schritt bringt uns in eine neue Situation. Und da die Füße jedes Mal anders stehen, müssen wir auch jedes Mal eine andere Körperhaltung einnehmen, um nicht zu fallen. Wir können das nur, weil unser Gleichgewichtssinn uns in jedem Moment Auskunft gibt über unsere Situation im Raum und über das Verhältnis zur Schwerkraft. Er ist ein Organ zur Wahrnehmung der Beziehung zwischen der Erde und dem eigenen Körper. Der Gleichgewichtssinn gibt uns die Kompetenz, die wir benötigen, um uns in jede neue räumliche Situation einfügen zu können und die Bewegungen den gegebenen Bedingungen anzupassen. Das Kind lernt sich zu orientieren und rechts, links, oben, unten, vorn und hinten zu unterscheiden.

Gleichgewicht spielt auch bei der Differenzierung der Tätigkeiten von Armen und Beinen eine wichtige Rolle. Die Arme können frei einer anderen Tätigkeit nachgehen, während die Beine fest auf der Erde stehen. Dabei ist das Verhältnis vom oberen zum unteren Menschen angesprochen. Später ist es ganz besonders die Mathematik, die einen gut entwickelten Gleichgewichts- und Bewegungssinn braucht. Alle mathematischen Rechenoperationen sind abstrahierte Raumbewegungen. Es heißt ja auch: sich im Zahlenraum bewegen. Da wird der Zusammenhang deutlich.

Die Ausbildung des Gleichgewichtsinns wird häufig gestört durch Eingriffe in den Prozess der Bewegungsentwicklung. Immer, wenn wir meinen vorgreifen zu müssen, stören wir die natürliche Entwicklung des Gleichgewichts. Das passiert, wenn Kinder in ein „Gehfrei" gesetzt werden, zu früh zum Sitzen gebracht werden, nicht laufen, sondern auf Fahrzeugen sitzen usw. Auch falsche Fürsorge und Ängstlichkeit sind hinderlich. Kinder müssen etwas wagen dürfen! Es nützt nichts, wenn wir für sie alle Gefahren aus dem Weg räumen.

Die Pflege des Gleichgewichtsinns im Kindergarten hat viel damit zu tun, dass wir das Selbstwertgefühl der Kinder stärken und Vertrauen in ihre Fähigkeiten, sowie in ihre ganz eigenen Lernwege haben. Wir räumen ihnen Schwierigkeiten nicht aus den Weg, sondern vertrauen, dass sie daran wachsen. Der Gleichgewichtssinn hängt zudem ganz eng mit dem Bewegungssinn zusammen und wird immer mit angesprochen, wenn das Kind sich in gesunder Weise bewegt.

Der Gleichgewichtssinn wird gestärkt, indem alles berücksichtigt wird, was die anderen Sinne pflegt. Eine Störung des Gleichgewichtssinns lässt sich zumeist nicht klar abgrenzen. Denn im Gleichgewicht zu sein heißt auch, die anderen Seelenqualitäten im ausreichenden Maß entwickelt zu haben. Wenn man sich unerwünscht, im Stich gelassen oder ausgeschlossen fühlt, ist man nicht im Gleichgewicht. Im Gleichgewicht bin ich, wenn ich erhobenen Hauptes freudig in die Welt hineinschreiten kann und mich mit ihr liebevoll verbunden fühle.

 

Die Medien - Irreführung der Sinne

Es versteht sich von selbst, dass Medieneinsatz in der frühen Kindheit fehl am Platz ist, weil die Sinne nicht ganzheitlich angesprochen werden. Das Kind wird zur Bewegungslosigkeit verdammt und die Sinneserfahrung wird auf Hören und Sehen beschränkt. Der Apfel oder der Pfirsich im Fernsehen duftet nicht, er schmeckt nicht und wird auch nicht zusammen mit der Mutter gegessen! Außerdem liebt und braucht das kleine Kind Wiederholungen. Wenn die Sinneseindrücke so schnell vorbeirauschen, können sie nicht zur sinnvollen Erfahrung werden. Unterhaltend mag das Geschehen im Fernsehen sein, das Kind ist für eine Weile auch abgelenkt und stört nicht. Aber es ist einer Flut von einseitigen Sinneseindrücken ausgesetzt, die es nicht verdauen kann. Das Fernsehen wie auch der Computer lassen zudem das Kind eine Welt „aus zweiter Hand" erleben. Sie gaukeln eine Realität vor, die nicht existiert. Das kleine Kind kann noch nicht zwischen realer und virtueller Welt unterscheiden. Es nimmt alles, was seinen Sinnen geboten wird, als echt an. Um die Welt als sinnvoll zu begreifen braucht das Kind andere, wirklichkeitsgesättigte Erfahrungen - je kleiner es ist, umso sinnlicher müssen diese Erfahrungen sein.

Auch die Sprachentwicklung wird durch Medienkonsum im frühen Kindheitsalter nicht gefördert. Ganz im Gegenteil! Untersuchungen zeigen, dass mit steigendem Medienkonsum die Sprachentwicklungsstörungen in erschreckendem Maße zunehmen. Das kleine Kind braucht Zuwendung und Interesse - das lebendige Gegenüber - um Sprache zu erlernen. Und nur durch das „Du" erlebt das Kind auch Moralität, kann es komplexe Sinnzusammenhänge erfassen und die Bedeutung hinter den Worten erspüren und erahnen. Kein Sprecher in den Medien ersetzt den menschlichen Kontakt und das sinnliche Erleben, das beim Erzählen von Geschichten und Märchen entsteht. Die tiefere Bedeutung des Märchens erschließt sich erst, wenn es vom geliebten oder vertrauten Menschen erzählt wird.

Hinzu kommt das große und notwendige Bedürfnis nach Bewegung und Spiel. Kinder wollen und müssen alles, was sie erleben, nachgestalten und im Spiel umsetzen. Wertvolle Spielzeit geht durch die Zeit vor dem Fernseher verloren. -

Die Förderung der Sinnesentwicklung und Sinnespflege ist einer der Grundpfeiler unserer pädagogischen Arbeit und verdient immer wieder neu angeschaut und belebt zu werden. Die Sinne sind nicht nur Tore zur Welt, sondern auch die Tore zur Seele. Sie müssen heute mehr denn je liebevoll und sorgsam gepflegt werden, wenn der Mensch ein gesundes Verhältnis zur Welt, zur Gesellschaft und zu sich selbst entwickeln soll. Hier kann Waldorfpädagogik in vielen Bereichen therapeutisch wirken.

Rita Pätzold

 

(1) Willi Aeppli, „Sinnesorganismus, Sinnesverlust, Sinnespflege", S. 63

(2) Henning Köhler, „Von änglichen, traurigen und unruhigen Kindern", S. 42

(3) Gute Ideen zur Pflege des Lebenssinns und anderer Sinne finde man bei:
     Michaela Glöckler, „Eltern fragen heute - Sinneserfahrung und Sinnespflege bei
     Kindern und Erwachsenen", S. 388.

(4) Nach Albert Soestmann: „Die zwölf Sinne - Tore der Seele", S. 25

(5) Orientierungsplan für Bildung und Erziehung für die baden-württembergischen
     Kindergärten 2006, S. 74

(6) vgl. Wolfgang Auer: „Sinneswelten", S. 47

 

Literaturempfehlungen zum Thema Sinne und Sinnespflege

Wolfgang Auer: Sinnes-Welten. Die Sinne entwickeln. Wahrnehmung schulen. Mit Freude lernen
Michaela Glöckler: Elternfragen heute. Kapitel Sinneserfahrung und Sinnespflege
Albert Soesmann: Die zwölf Sinne, Tore zur Welt
Henning Köhler: Von ängstlichen, traurigen und unruhigen Kindern
Willi Aeppli: Sinnesorganismus, Sinnesverlust, Sinnespflege
Vom Geschmack der Welt, in: Erziehungskunst Nr. 10/2009 mehrere Artikel

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