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In der Freien Waldorfschule Haan-Gruiten finden im Rahmen des klassenübergreifenden Kunst-Handwerks-Blockes der Jahrgangsstufen 11 und 12 regelmäßig Improvisationskurse statt. In einem Zeitrahmen von 4 Wochenstunden setzen sich die Schüler ein Quartal, also etwa 8 Wochen, mit den Grundlagen des Improvisationstheaters auseinander. Die Motivation, einen solchen Kurs zu belegen, kann sehr unterschiedlich sein und reicht von der bloßen Freude am Theaterspiel bis hin zu dem Vorsatz, eigene Ausdrucksblockaden zu überwinden.
„Improvisation ist, wenn man die Vorbereitung nicht merkt.“
Francois Truffaut, französischer Regisseur 1932-1984
INTENSIVIERUNG DER SINNESEINDRÜCKE
Der Kurs beginnt nach anfänglichen Kennenlern- und Aufwärmübungen mit der gezielten Schulung und Sensibilisierung der Sinneswahrnehmungen. Blind durch den Wald geführt zu werden gehört ebenso dazu wie das Erkennen des Mitspielers durch vorsichtiges Tasten des Gesichtes und der Hände oder auch blindes Erkennen des Gegenübers an dessen Summen. Dies sind nur wenige Elemente, die während der Vorbereitungsphase eingesetzt werden und dem Schüler überraschend intensive Erlebnisse vermitteln. Durch den Ausschluss des dominanten Sehsinnes gewinnen die übrigen Sinneseindrücke an Intensität und eröffnen einen neuen Erlebnisraum.
SPIELEN – ABER MIT ERNSTHAFTIGKEIT
„Au Ja!“ - So lautet eine der grundlegenden Anwärmübungen aus dem Improvisationstheater. Treu dem Grundsatz „annehmen, aufgreifen weiterentwickeln“ soll sie die Teilnehmer auffordern, die durch einen Mitspieler vorgegebenen Bewegungsimpulse oder Fortbewegungsarten im Raum („Wir gehen alle rückwärts“ oder „Wir springen mit einem imaginären Seil“ o.ä.) mit dem bekräftigenden Ausruf „au ja!“ aufzugreifen und dann umzusetzen. Dies wird solange gemacht, bis ein anderer Spieler die Initiative ergreift und einen neuen Impuls in den Raum gibt. Auch dieser Vorschlag wird freudig mit „au ja!“ begrüßt und ohne Diskussion angenommen und umgesetzt. Eine simple Übung und auf den ersten Blick vor allem spaßig. Aber es steht mehr dahinter, denn worum geht es bei dieser Basisübung des Improvisationstheaters? Es geht zunächst um Spiel im besten Sinne. Spielen, aber mit Ernsthaftigkeit, denn es gibt Regeln die eingehalten werden müssen. Hier wirkt der „schillersche“ Formtrieb dem bloßen willenshaften Ausleben des Stofftriebes entgegen. Apollinische Formkraft trifft hier auf die dionysische Willensnatur.
SCHLÜSSELQUALIFIKATIONEN Als zweites geht es um Offenheit und Empathiekräfte, nicht Blockieren, sondern das Aufgreifen des Handlungsimpulses des Mitspielers ist gefragt, Kooperationskräfte werden gefordert. Und schließlich folgt die eigene Initiative: Die Übung lebt aus den Impulsen der einzelnen Mitspieler und erfährt dadurch ihre Vielseitigkeit und Dynamik. Der Grundcharakter dieser Übung lässt sich in vielen Elementen der Improvisation in modifizierter und weiter entwickelter Form wieder finden. Die Fähigkeiten, die in der Improvisation gefordert und gefördert werden, berühren einen Teil der heute in der Pädagogik so viel geforderten Schlüsselkompetenzen und bieten den Schülern die Möglichkeit, in einem durch wenige, aber eindeutige Vorgaben definierten „Spielraum“ ihr eigenes schöpferisches Potential zu entdecken und zu entfalten.
Rudolf Steiner empfahl im Dramatischen Kurs die Improvisation als Werkzeug zur Vorbereitung des Sprechens von Dichtung, das persönliche Gefühl des Rezitators sollte sich an der Improvisation entzünden und entfalten. Aristoteles sprach von der Improvisation als der Vorbereitung der Tragödie und Keith Johnstone, der wohl der bedeutendste Improvisationstheaterpädagoge unserer Zeit ist, sieht in ihr schließlich ein Mittel, den unerschöpflichen Reichtum der eigenen Phantasiekräfte zu befreien und neue Erlebnisräume zu eröffnen. Für die heutige Theaterpädagogik ist neben Keith Johnstone noch Viola Spolin zu nennen, die in ihrem Buch „Improvisationstechniken für Pädagogik, Therapie und Theater“ (erschienen im Junfermann Verlag, Paderborn 1983) einen sehr konsequenten methodischen Weg zum Erlernen der Improvisationstechniken für Schüler beschreibt. Allen Genannten ist gemeinsam, dass sie in der Improvisation ein Mittel sehen, das künstlerische Potential zur Entfaltung zu bringen.
Ist der Schüler wach geworden für die Sinneseindrücke, die ihn umgeben, kann man weiter arbeiten, indem man das sensorische Gedächtnis schult. Mit gezielten Übungen wird die Konzentration auf einzelne sensorische Erinnerungen, wie etwa das Hören einer Musik oder das Beobachten einer Sportart, gelenkt. Diese Konzentration führt schließlich zu einem inneren Bild von farbig-plastisch-klanglicher Qualität bis hin zu Geruchs- und Wärmeempfindungen. Wir alle kennen die intensive Wirkung von inneren Bildern und Vorstellungen. So kann der bloße Gedanke an den Biss in eine Zitrone schon dazu führen, dass wir die Säure auf der Zunge spüren und verstärkter Speichelfluss einsetzt. Die Vorstellung des schrillen, surrenden Geräusches eines Zahnarztbohrers und des vibrierenden Aufsetzens auf unserem Zahn kann zu Gänsehaut und Schmerzempfinden führen. Der Schüler erfährt die ungeheure Kraft der Vorstellungen und Gedanken, die durch die Konzentration auf ein inneres Bild bis in unsere physische Leibesorganisation wirken.
EIN BREITES FELD AN MÖGLICHKEITEN
Ist durch diese Vorbereitung die impulsierende Kraft des Konzentrationspunktes erfahren worden, so eröffnet sich nun ein breites Feld an Möglichkeiten, die eigenen schöpferischen Ideen in der Improvisation zu entfalten.
Im weiteren Verlauf des Kurses geht es nun darum, die Gesetzmäßigkeiten der Improvisation zu erfahren und im freien Spiel anzuwenden. Wie erzähle ich eine Geschichte, wie setze ich sie darstellerisch um? Wie finde ich einen guten Einstieg in eine Szene, wie ein prägnantes und bühnenwirksames Ende? Wie entfaltet sich ein Konflikt und beflügelt die Handlung? Wie finde ich zur Rollen- und Situationsgestaltung? Wie drückt sich der persönliche Status einer Rollenfigur bis hinein in die körperliche Präsentation, den Blick, ja den Sprachduktus aus? Ein unendlich reiches Feld der Selbst- und Welterfahrung tut sich auf, immer auf der Grundlage der konkreten Wahrnehmung der Mitmenschen. So findet der Schüler gerade in dieser wichtigen Phase der seelischen Entwicklung einen Weg von sich zur Umgebung, um schließlich in der Welt sich selbst wieder zu erkennen. Rudolf Steiner spricht von der Notwendigkeit, dass der Heranwachsende echtes Weltinteresse entwickelt. In der Improvisation oder dem Schauspiel überhaupt kann dies auf künstlerische Weise ganz direkt und unmittelbar gelingen: „Der wahre Schauspieler ist von der unbändigen Lust getrieben, sich unaufhörlich in andere Menschen zu verwandeln, um in den anderen am Ende sich selbst zu entdecken.“ (Max Reinhardt, Schauspieler und Regisseur, 1873-1943)
REFLEXION KÜNSTLERISCHER PROZESSE
Um diese Entdeckung des eigenen Selbst erfolgreich zu gestalten, muss ein entscheidendes Element dazu kommen, nämlich die Reflektion des künstlerischen Prozesses, die dann zur Selbstreflektion führen kann. Die Schüler pflegen in der Improvisation die Kultur der Spiegelung, es entsteht im Idealfall eine gesunde „Feedback – Kultur“. Jede Improvisation wird anschließend von allen Kursteilnehmern anhand eines Kriterienkatalogs ausgewertet, so dass Spieler wie Zuschauer gleichermaßen aktiv gefordert und gefragt sind. Nicht eine rein emotionale und wertende Beurteilung wie „Fand ich gut“ oder „Hat mir nicht gefallen“ ist hier gefragt, sondern die objektive Betrachtung des gelungenen oder eben weniger gelungenen Einsatzes improvisatorischer Mittel: Was konnte real wahrgenommen werden? Was hat wie gewirkt? Wo lagen Blockaden? Entscheidend ist nicht, was geplant war oder in der Intention des Spielers lag und auch nicht, was der Betrachter in die Darstellung hineininterpretiert hat. Auf die reale Wirkung des Gespielten und die reale Wahrnehmung des Betrachters kommt es an.
SCHÄRFUNG DER WAHRNEHMUNG
Schärfung der Wahrnehmung und eine gesunde Selbstreflektion sind sowohl die Bausteine für die Weiterentwicklung in der Improvisation wie auch für die Entfaltung eines gesunden Seelenlebens des Schülers. Aus diesem Grund ist gerade die Reflektion des kreativen Prozesses so wichtig, damit er nicht in einem bloßen Aktionsrausch verebbt.
Diese hohe Anforderung an die Schüler wird durch den spielerischen und in jedem Falle „humorgetränkten“ schauspielerischen Prozess erleichtert. Die Jugendlichen lernen spielend und sind neugierig, ein unbekanntes Land zu entdecken.
ABSCHLUSS UND HÖHEPUNKT: DER IMPROVISATIONSABEND
Den Abschluss und Höhepunkt des Kurses bildet schließlich ein öffentlicher, mit Plakaten angekündigter Improvisationsabend. Neunzig Minuten ohne Netz und doppelten Boden begeistern Schüler wir Zuschauer. Einzelne Improvisationsdisziplinen werden von den Spielern eingeführt. Die Zuschauer werden in den Prozess miteinbezogen, indem sie Improvisationsthemen vorgeben, die der Moderator zuvor „abfragt“: Es wird z.B. nach Orten gefragt, an die man immer schon einmal reisen wollte, nach einer Situation, in der man nicht gerne alleine ist oder auch einfach nach zwei Charakteren, die zu einem bestimmten Zeitpunkt aufeinandertreffen sollen. So entstehen Szenen, deren Ausgangspunkt sowohl die Phantasie der Zuschauer als auch die Kreativität der Spieler fordert. Aus dem Moment heraus werden kleine Minidramen entwickelt, die von packender Unmittelbarkeit geprägt sein können und sogar das Mitspiel der Zuschauer zulassen bzw. dieses manchmal gezielt einfordern. Die Intensität und Energiegeladenheit des Ausdrucks kann in Ansätzen mit der Stegreifkomödie, wie sie die italienische commedia dell’arte in ihrem Maskenspiel repräsentierte, verglichen werden.
Der Abend wird zu einem gemeinsamen kreativen Fest, bei dem viel gelacht, der Atem angehalten und begeistert applaudiert wird. Am Ende erleben die Schüler, was sie im Zusammenspiel mit ihren Teamkollegen im Augenblick aus sich selbst heraus schaffen können. Diese Erfahrung stärkt das Selbstvertrauen der Jugendlichen und bildet einen Erfahrungsschatz, der ihnen helfen kann, auch andere Situationen zu meistern, in denen es gilt, Geistesgegenwart, Spontaneität und Initiativkraft zu beweisen.
KEIN ERSATZ ZUM KLASSENSPIEL
Diese Art von Improvisationstheater pflegen wir an unserer Schule nun seit vielen Jahren mit zunehmendem Erfolg und großer Begeisterung bei Eltern und Schülern. Auch in der Kollegiumsarbeit haben sich gerade Übungen wie „Au ja!“ bewährt. Gemeinsam entdecken wir neue Wege des Improvisierens und entwickeln eigene Darstellungsformen. Natürlich stellt das Improvisationstheater – dies soll am Schluss gesagt sein – keine Alternative zum traditionellen Klassenspiel an der Waldorfschule dar. Die literarische Komponente und das Reifen an einer dichterischen Vorlage sind andere pädagogische Faktoren, die beim Improvisationstheater nicht in derselben Weise zum Tragen kommen. Aber die Improvisation stellt doch eine wesentliche und wichtige Ergänzung der theaterpädagogischen Arbeit an unserer Waldorfschule dar.
