One week. No media!

One week. No media! Ist eine Projektinitiative der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart und von relase, die sich gegen übermäßigen und unkontrollierten Medienkonsum richtet.

 

Lust auf eigenes aktives Leben

ONE WEEK. NO MEDIA! will die Medien nicht verteufeln. Ziel ist es, die Beteiligten vom passiven Medienkonsum zum aktiven, kreativen Handeln zu bewegen. Im Juli 2007 haben 28 Schüler der Klasse 6a der Jahn-Realschule Stuttgart-Bad Cannstatt eine Woche lang auf audiovisuelle Medien verzichtet. Im Juni und Juli 2008 haben 34 Schulklassen und Gruppen im Großraum Stuttgart die medienfreie Woche durchge­führt. Verzichtet haben nicht nur die Schüler, sondern auch ihre Lehrer, Eltern und teilweise ihre Geschwister.

Die Teilnehmer hatten mit einem Mal jede Menge Zeit, die zu füllen war. Deshalb haben sie gemeinsam gespielt, gelesen, miteinander geredet, Gedichte und Rapsongs geschrieben, sind geschwommen, haben gechillt oder einfach geschlafen und sich ausgeruht.

 

Statt anderen Menschen bei Abenteuern zuzuschauen - eigene Abenteuer erleben

Statt passivem Musikkonsum - aktiv eigene Musik und Texte schaffen.

Statt passivem Konsum von Filmen und Bildern - aktiv und kreativ eigene Bilder produzieren.

Statt sich in virtuellen Welten zu bewegen - in der realen Welt handeln.

Statt anderen Menschen beim Leben zuzuschauen - selber leben.

 

 

Hilfe, was soll ich machen?

Eichendorfschule Stuttgart

Ein schönes Beispiel für funk­tionierendes Miteinander:

Am Elternabend nahmen nicht nur die Lehrer und Eltern, sondern auch die Kinder teil. Es entwickelte sich eine tolle, fruchtbare Diskussion über die Bedeutung von Medien in den Familien. Ebenfalls toll war, dass die Aktionen für die Medienfreie Woche gemeinsam besprochen und geplant wurden. So konnte sich jeder mit Wünschen und Beiträgen einbringen, was nicht nur die Durchführung der Woche erleichterte - sondern auch Spaß machte!

 

Montag

  • Abgabe der elektronischen Medien
  • Gemeinsames Frühstück
  • Gestalten des Tagebuchs
  • nachmittags: Elternangebot Minigolf

Dienstag

  • ab 13.30 Uhr Zubereitung eines gemeinsamen Mittages­sens auf dem Aktivspielplatz Seelberg, Spiel und Spaß
  • von etwa 15.30 bis 17.30 Uhr Besuch des Jugendhauses Anna
  • der Nachmittagsunterricht entfällt

Mittwoch

  • nachmittags: Elternangebot Nordic Walking/Spielen im Kurpark

Donnerstag

  • Abend: Spieleabend von 18 bis 20 Uhr in der Eichendorfschule (die Eltern sind herzlich eingeladen)

Freitag

  • 3. und 4. Stunde Rapworkshop mit William Ponzetta
  • 6. Stunde: Vorbereiten des Floh­markts von freiwilligen Helfern
  • Von 15 bis 17 Uhr Flohmarkt

Samstag

  • Von 10 bis 12 Uhr Abschluss­frühstück mit den Eltern mit Rückgabe der Medien

 

Schülerzitate:

  • „Eine Woche ohne Medien!? Am Anfang habe ich gedacht ,oh Scheißdreck', aber dann dachte ich, wir können es zwei Wochen schaffen. Es war schwer, mein Handy in die Medienkiste zu legen. Dann ging es los und unsere Lehrerin hat die Medien in den Tresor geschlossen."
  • „Ich bin stolz, dass ich auch den zweiten Tag ohne Medien ausgehalten habe. Es war aber sehr anstrengend. Der Tag war voll schön."
  • „Eine Woche ohne Medien!? Die Woche wird geil. Am Anfang dachte ich, das wird blöd, aber jetzt finde ich es cool."
  • „Die Medien sind abgegeben. Es ist ein anderes Gefühl als sonst, denn am Abend weiß ich nicht, was ich machen soll. Aber man muss es versuchen. Es war etwas langweilig gestern, aber ich habe mich abgelenkt, indem ich gezeichnet habe. Um 22 Uhr habe ich mich aufs Ohr gehauen."

 

Ein beispielhafter Tagebucheintrag

Montag  Ich war bei meiner Oma. Ich war draußen mit meinen Freundinnen, das hat Spaß gemacht.

Dienstag  Ich war draußen mit meinen Freundinnen. Es hat sich schwer angefühlt.

Mittwoch  Ich konnte es heute nicht aus­halten. Ich musste einfach den Fernseher anmachen.

Donnerstag  Meine Mama hat den Fernse­her angemacht. Ich habe gesagt „Mach ihn aus", aber sie hat nicht zugehört. Dann hab ich mich dazugesetzt. Mir ging's schwer, so arg schwer. Und ich konnte es nicht aushalten.

Freitag  Der letzte Tag der Medienwoche. Mir fiel es so schwer. Ich konnte es nicht aushalten. Es war schwer, schwerer als schwer, und ich und meine Schwester konnten es nicht aushalten.

Ich habe interessante und teils erschre­ckende Einblicke in den Medienkonsum meiner Schüler erhalten.

 

Jahn-Realschule, Stuttgart Bad Cannstatt

Sehr viele Kinder kannten aus eigener Erfahrung kaum Alternati­ven zum üblichen Medienkonsum und hatten größte Angst vor der Langeweile.

Überrascht war ich, wie dankbar manche Kinder den erzwungenen Medienverzicht annahmen, und wie sehr sich viele Kinder nach familiärem Umgang sehnen, nach gemeinsam verbrachter Zeit, zum Beispiel mit Gesellschaftsspielen oder gemeinsamen Unterneh­mungen. Auch der Wunsch nach echten Abenteuern ist groß - dafür verzichten die Kinder gerne auf elektronische Medien.

Auffällig war, dass viele Kinder aus Angst vor Langeweile schlafen gegangen sind, auch tagsüber, und dass fast alle Kinder wesentlich mehr Stunden der Woche schlafend verbracht haben. Manche Kinder haben das Bücherlesen als Freizeit­beschäftigung wiederentdeckt. Schön ist es, wie offen sich die 12-und 13-Jährigen noch auf Experi­mente dieser Art einlassen; ich habe die Erkenntnis gewonnen, dass man solche Aktionen eher früher als später durchführen sollte, bereits im Grundschulalter beziehungsweise in der fünften Klasse.

Interessant war für mich auch, wie dankbar manche Eltern die Anregungen von außen aufge­nommen und auch konsequent mitgetragen haben: Sie haben sich Zeit genommen, mit den Kindern mittags Rad zu fahren, schwimmen zu gehen, zusammen mit anderen Kindern ein Picknick zu machen und zu spielen. Außerdem haben sie aus Solidarität aufs Fernsehen und dergleichen verzichtet. Viele Eltern haben unsere Un­ternehmungen aktiv unterstützt, indem sie Kuchen, Getränke, Früh­stücksbrötchen und alle anderen benötigten Lebensmittel gespendet haben. Zwei Mütter, sowie eine ältere Schwester einer meiner Schüler haben sogar beim Kochen und Aufräumen geholfen.

Die meisten Kinder waren in dieser Woche viel öfter draußen als sonst und haben sich mit anderen Kindern zum Spielen getroffen; sie schienen mir zufriedener und viel lebendiger zu sein als sonst.

 

Mit dem Ergebnis kann man nicht wirklich unzufrieden sein:

18 von 28 Schülern, also zwei Drittel, würden diese Woche ohne Einschränkung wieder mitmachen! Ein Viertel stehen der Aktion gleichgültig gegenüber und nur vier Schüler lehnen eine weitere Woche ab. Zwei habe keine Meinung geäußert.

Leider fühlte ich mich als Lehrer mit der Organisation eher allein gelassen. Es waren einige Elternbriefe zusätzlich zu entwerfen - die ich allerdings bei einer weiteren Teilnahme wieder verwenden könnte - und vom Schuljahresab­lauf her war diese Woche vor allem zeitlich und mit der Verantwortung eine große zusätzliche Belastung für mich. Denn es war wichtig für mich, dass diese Woche organisato­risch und inhaltlich rund läuft. Damit verbunden war eine gewisse innere Anspannung - wie immer bei etwas Neuem! Ebenso war auf moralischer Ebene für mich wichtig, dass die Kinder erkennen, dass sich beim Verzicht auf lieb gewordene Gewohnheiten etwas Neues, Unerwartetes einstellen kann. Denn wenn man etwas her- oder aufgibt, kann man auch wieder etwas zurückbekommen.

Ulrike Friedmann

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