Feuriger Sommerhöhepunkt

Bei Beitrag von Christian Wasser (Freie Waldorfschule Wiesbaden)

Die Jahresfeste, die mit dem Jahres­lauf zu tun haben, also Ostern, Johanni, Michaeli und Weihnachten, wer­den nicht mit der gleichen Intensität gefeiert. Zu Beginn des Christentums stand das Osterfest im Zentrum des Glaubens und wurde als wichtigstes Ereignis entsprechend gefeiert, wie es bis heute in der Ostkirche der Fall ist. Erst im 19. Jahrhundert bildeten sich die Weihnachtstraditionen heraus, die wir heute kennen. Das Michaelifest hatte seine Bedeutung vor tausend Jahren bekommen, als die christli­chen Kaiser den Erzengel Michael als den Beistand der Völker und der Herrschergewalt anriefen und verehrten. Ein Fest zur Sommersonnenwende hat es in vielen Völkern gegeben. Die langen Tage und damit einhergehend die kurzen Nächte, gaben Anlass zu feiern.

Die Natur verausgabt sich zu dieser Zeit in besonderer Weise, es ist der Übergang von der Blütenphase zur Fruchtbildung, der zu dieser Jahreszeit vorherrschend ist. Das Wachstum im Bereich der sprossenden Kräuter findet seinen Abschluss, manche Ar­ten treiben hier noch einmal aus, man spricht dann von den Johannitrieben. Als blühende Pflanzen kommen jetzt zum Vorschein die Blumen, die eine Vielzahl kleiner Blüten ausbilden und sie gemeinsam, wie als schirmende Krone über sich, zum Leuchten bringen: die Doldengewächse. Mit dem Fenchel, dem Baldrian, der Schafgar­be zeigen sie sich uns als Vertreter, die aromatisch wirken und als Tee oder Medizin stark auf das Seelische des Menschen einwirken. Ein Bild für die Öffnung gegenüber dem Kosmos.

Zu dieser Zeit möchte man sich am liebsten ganz in der Natur verlieren, in den Elementen aufgehen. Wachen und Schlafen vermischen sich, wenn man in den hellen Nächten den Rufen der Naturstimmung nachgibt. Aufge­fangen hat dies Shakespeare in sei­nem „Sommernachtstraum", der die Verwirrung der Gefühle zu dieser Zeit genial ausgeleuchtet hat. Die Ele­mentarwelt ergreift Besitz vom Men­schen, Puck hat ein leichtes Spiel, die Menschen zu täuschen und in die Irre zu führen.

In diese Stimmung hinein kommt nun Johannes der Täufer mit seinen mahnenden Worten: „Ändert den Sinn, das Himmelreich ist nahe ge­kommen!" Die Taufe im Jordan, die er bereits an vielen Menschen vollzogen hatte, hatte als Inhalt, das Schicksal der Menschen mit der göttlichen Welt zu verbinden, ihnen Ursprung und Ziel aufzuzeigen. Dazu mussten sie sich trennen von Gewohnheiten. Die Wüste, in der die Taufe stattfand, ist dafür das Sinnbild. Jesus schaute bei dieser Taufe nicht nur zurück auf sein eigenes Leben, sondern auf das gan­ze Menschheitsschicksal bis zurück zu Adam. Danach begann für ihn sein geistiges Wirken auf Erden, die drei Jahre seines Christuswirkens. So kann für uns das Johannifest ein Aufruf sein, dem eigenen Leben Tie­fe zu verleihen in dem Augenblick, in dem wir am meisten mit den Kräften der Natur verbunden sind, welche drohen, uns mitzureißen. Durch das Innehalten an dieser Stelle, die man auch als exkarnierend bezeichnen kann, wenden wir uns der Jahreshälf­te zu, in der der Tag wieder abnimmt, bis wir wieder bereit sind für das ganz neue Leben, das uns dann an Weih­nachten zum Geschenk wird.

 

Der Wochenspruch aus Rudolf Stei­ners Seelenkalender zu Johanni fasst das zusammen:

Der Welten Schönheitsglanz,
Er zwinget mich aus Seelentiefen
Des Eigenlebens Götterkräfte
Zum Weltenfluge zu entbinden;
Mich selber zu verlassen,
Vertrauend nur mich suchend
In Weltenlicht und Weltenwärme.

 

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