Wenn das Glöcklein erklingt

Ein Beitrag von Dieter Centmayer (Freie Waldorfschule Braunschweig)

Um Ruhe in der Klasse herbeizuführen, verwenden manche Lehrer ein Klanginstrument. Sie lassen ein Glöcklein oder eine Triangel erklingen und erwarten dann, dass die Kinder ruhig werden. Manchmal gelingt das nicht. Die Kinder werden nicht ruhig. Man sollte sich einmal fragen, ob das ein richtiger Weg ist; ob man ein so schönes, klingendes Instrument für diesen Zweck einsetzen darf.

Sollte ein Musikinstrument nicht immer erst erklingen, wenn es bereits ruhig ist; wenn sich sein Klang ungestört in einem Raum ausbreiten kann? Der Mensch sollte immer die Schönheit eines musikalischen Klanges empfinden können. Dieser Klang sollte nicht Mittel zum Zweck sein, sondern immer gleich eine Erquickung und Freude für die Seele. Und das sollen die Kinder lernen.

Wenn man das bedenkt, dann kommt man zu dem Schluss, dass man zuerst die Klasse beruhigen muss und dann kann man ein Glöcklein oder eine Klangschale erklingen lassen, und man kann sagen: ”Nun hört einmal, wie schön still es in unserer Klasse ist und wie wunderbar nun die Töne erklingen können usw.”

Einmal hatte ich eine Klasse als 5.Klasse übernommen, die vorher von einem anderen Lehrer geführt worden war. Eines Tages fand ich im Schreibtisch eine Glocke. Als ich sie herausnahm, begann die Klasse zu stöhnen und schreien. Es stellte sich heraus, dass die Kinder durch die Anwendung der Glocke für disziplinarische Zwecke in früheren Jahren längst völlig genervt oder gar traumatisiert waren. Die Glocke verschwand daraufhin wieder schnellstens im Schreibtisch.

Kommentar
10.01.2018 | Hiltrud Kamolz | Klassenlehrerin im 3. Durchgang
Für meine Klassen ist und war ein bestimmter Glockenton immer das Zaubermittel, den Unterricht zu beginnen, die Pause zu beenden, leise zu werden. Bis heute klappt das sehr gut. Absolute Stille verlange ich hingegen, bevor ich mit Kupferröhren oder anderen Instrumenten einen Ton erklingen lasse.
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