Jahresarbeiten für Lehrer

Ein Beitrag von Helmut Hinrichsen (Werklehrer und Drogenbeauftragten)

Wie immer, wenn Jahresarbeiten vorgestellt werden, herrscht eine flirrende, erwartungsfreudige Stimmung im Saal. Man hat sich fein gemacht. Festlich angezogen und macht schon dadurch deutlich, wie wichtig ein solcher Tag im Schulgeschehen ist. Die Vorstellungskandidaten können ihre Aufregung nur schwer verbergen, laufen geschäftig ordnend hin und her und fiebern dem Beginn der Veranstaltung ungeduldig entgegen. Endlich kommen die letzten Gäste herein, die Tür wird geschlossen, und man kann beginnen. So weit, so gut. Jeder kennt in der Waldorfschule wohl diese alljährlich wiederkehrende Szenerie aus eigener Anschauung und misst ihr mehr oder weniger Bedeutung zu. In diesem Falle jedoch stehen vorne nicht wie sonst Schüler und stellen das Ergebnis einer einjährigen Beschäftigung mit einem frei gewählten Thema vor, sondern es sind drei Lehrer, die über die im Verlaufe eines Jahres mit ihrer Arbeit gemachten Erfahrungen berichten. Zwölf Monate zurück: Das Lehrerkollegium sitzt in der Konferenz und hält einen Rückblick auf die am letzten Wochenende stattgefundene Vorstellung der Zwölftklassarbeiten. Zunächst erfreut man sich an dem hohen Niveau einiger Darstellungen, tauscht sich ferner aus über den gelungenen Rahmen der gesamten Veranstaltung. Auch das aufmerksame Publikum wird lobend hervorgehoben. Langsam machen sich jedoch die Skeptiker bemerkbar, und es wird an der einen oder anderen nicht so ganz gelungenen Ausführung herumkritisiert.

Kaum ist der Faden einmal aufgegriffen, wird deutlich, dass es noch weit mehr zu bemängelnde Faktoren gibt, die so manchem Beobachter anscheinend völlig entgangen sind. Erst als klar wird, wer wie und wann doch ziemlich am Thema vorbeireferiert hat, lehnt sich die Lehrerschaft zufrieden zurück in dem wohltuenden Bewusstsein, ein objektives Bild erstellt zu haben und der ganzen Angelegenheit gerecht geworden zu sein. Zwei Naturwissenschaftler aus der Oberstufe und ein Handwerkslehrer (gemeint sind hier Stefan Tiemann, Stefan Theisen und Helmut Hinrichsen, Anmerkung der Red.) bleiben in der anschließenden Pause jedoch noch ein wenig nachdenklich nebeneinander sitzen. Ein schaler Nachgeschmack ist geblieben. Sie fragen sich, mit welchem Recht und nach welchen Kriterien sie als Lehrer eigentlich die Mühen der Schüler beurteilen. Keiner von ihnen hat je neben dem normalen Schulgeschehen ein über ein ganzes Jahr laufendes Thema behandelt und dann einem kritischen Publikum vorgestellt. Es leuchtet ihnen sofort ein, dass die richtige Medizin für sie als Lehrer die Anfertigung einer eigenen Jahresarbeit ist. Man trennt sich mit der beflügelnden Zusage, ein derartiges Unterfangen in Angriff zu nehmen. Zwar wurde der Entschluss schnell und freudig gefasst. Es sollte jedoch noch einige Zeit ins Land gehen, bis alle drei den genaueren Rahmen für ihr Tun abgesteckt hatten und wirklich beginnen konnten. Sie einigten sich, über den Verlauf der Arbeiten im Austausch zu bleiben, der Schulöffentlichkeit gegenüber jedoch weitestgehende Diskretion walten zu lassen. Erst nach Ablauf des Jahres wollten sie bei der Vorstellung ihre gemachten Erfahrungen preisgeben.

Es folgten Monate, die neben dem angefüllten Schulalltag auch noch den spannenden Werdegang der Arbeit beinhalteten. Ein jeder machte seine individuellen Entwicklungsschritte durch, hatte mit dem Thema zu ringen, und das sowohl im rein praktischen wie auch im theoretischen Umgang mit den auftauchenden Fragen. Als jedoch die Zeit vergangen war, hatten alle zu einem vorstellungswürdigen Abschluss gefunden. Bei der gemeinsamen Suche nach der richtigen Art der Präsentation wurde ihnen schnell deutlich, dass sich neben den unmittelbar mit dem jeweiligen Thema verbundenen Fragen ein ganz neuer Aspekt aufgetan hatte. Sie konnten jeder für sich feststellen, wie ihnen kollegiale Prozesse an der Schule, aber auch der gesamte Schulablauf auf unerwartete Weise nahe gekommen waren. Aus diesen Beobachtungen und Erfahrungen wollte sich jeder einen Bereich herauswählen und schwerpunktmäßig darüber berichten.

Den Anfang machte der Biologe. Er hatte einen nierenförmigen Tisch aus Birnenholz gebaut und für die Beine auch Granit und Stahl verwendet. Sämtliche Holzarbeiten führte er in der Werkstatt des Handwerkskollegen aus. Das führte einerseits dazu, dass er dessen fachliche Kompetenz kennenlernen und nutzen konnte. Dieser durfte auf der anderen Seite erfahren, mit welchem Geschick und Können ein ansonsten in der Oberstufe doch eher kognitiv arbeitender Naturwissenschaftler mit einer recht anspruchsvollen handwerklichen Aufgabe fertig werden konnte. Weil viele Arbeitsschritte parallel zum regulären Handwerksunterricht erfolgten, ergab sich die Möglichkeit, die jeweiligen Klassen einmal in ganz anderen Bezügen kennenzulernen. Auch den Handwerkslehrer durfte er in seinem Alltag wahrnehmen. Umgekehrt erlebten aber auch die Schüler einen Oberstufenlehrer, der mit einer ihm im schulischen Alltag doch recht fremden Materie zu ringen hatte, und beobachteten mit wachem Interesse und reger Anteilnahme, wie er die freiwillig gestellte Aufgabe meisterte. Auch bei den Stein- und Stahlarbeiten ergaben sich ihm neue Begegnungsmöglichkeiten mit Fachleuten auf dem jeweiligen Gebiet. Der Vortragende hob abschließend hervor, dass er eine solche doppelseitige Hospitation für das schulische Miteinander als sehr bereichernd und aufbauend erlebt hat und wärmstens zur Nachahmung empfehlen möchte.

Als nächster kam der Physikkollege zu Wort. Er hatte sich die „Hände", zum Thema gewählt. Ausgehend von der Frage, wie „Handarbeit" sich auf die kognitive Entwicklung auswirken kann, setzte er sich zum Ziel, eine Fotoserie zu dem Thema „Welche Materialien gehen durch die Hände unserer Schüler", zu erstellen und der Frage nachzuspüren, welcher Zusammenhang zwischen dem Handeln in der Welt und dem geistigen Tun besteht. Die Arbeit an der Fotodokumentation führte dazu, dass er mit einer Vielzahl von Situationen in Berührung kam, zu denen er sonst im Schulalltag gar keinen Zugang bekommen hätte. Auf der Suche nach geeigneten Handmotiven begegneten ihm Schüler mit tonigen Fingern beim Töpfern, mit Pflastern beklebte Hände bei der Steinhau-Epoche, aber auch feingliedrige Künstlerhände beim verlöten von Schaltstellen. Dieser praktische Teil seiner Arbeit verschaffte ihm einen großen Überblick über die unterschiedlichsten Aktivitäten an der Schule. Oft sah man ihn mit der Kamera herumgehen und so ganz nebenbei legte er auch noch eine Sammlung von interessanten Fotos über unterschiedlichste Aktivitäten und Begebenheiten aus dem schulischen Alltag an und stellte diese auf einer Website ins Internet. Wie selten jemand lernte er so die Schule in ihren verschiedensten Facetten kennen und konnte die dabei gemachten Erfahrungen auch direkt bei seiner Tätigkeit als Oberstufenkonferenzleiter nutzbar machen. Beim theoretischen Teil seiner Arbeit und der damit verbundenen Literaturrecherche blieben viele Fragen offen. Es fehlten dann doch die Zeiten, in denen eine ausschließliche Beschäftigung mit dem Thema möglich war, und die von Zwölftklässlern gern benutzte Formulierung „Meinen schriftlichen Teil habe ich aus Zeitgründen nicht im vollen geplanten Umfang bewältigt" stand dann auch im Resümee seiner Arbeit. Auf jeden Fall hat es bei ihm zu einem umfassenderen Verständnis für das Zusammenspiel und die Verknüpfung der künstlerisch-handwerklichen Fächer mit den mehr kognitiv arbeitenden Bereichen geführt, die gewiss auch Auswirkungen auf die gegenseitige Wertschätzung und das achtungsvolle Miteinander im alltäglichen Tun nach sich zieht.

Den Abschluss der Vorstellung machte der Handwerkslehrer. Er hatte die Geschichte des Nagels zum Thema gewählt und sich die Aufgabe gestellt, einzelne Funktionen von Nägeln künstlerisch zum Ausdruck zu bringen. So war eine kleine Ausstellung von Skulpturen entstanden. in denen der Nagel bei seiner jeweiligen Arbeit beobachtet werden kann. Ein Freund verfasste einen passenden Text. der Physiker stellte die Fotos dazu, und das Ganze mündete in einer bebilderten Broschüre, die zusammen mit den Skulpturen in der Handwerkskammer einen Ausstellungsort fand. Er konnte dem interessiert lauschenden Publikum berichten, welche Kraftquelle diese Arbeit ihm, der doch täglich in diesem Bereich unterrichtete, eröffnet hat. Der lange Zeitraum, in dem er an dem Thema künstlerisch arbeiten konnte, füllte den Topf, aus dem sonst immer die Schüler schöpfen, endlich einmal nachhaltig auf. Niemand kann immer nur geben, ohne irgendwo auch aufnehmen zu dürfen! Als weitern wichtigen Aspekt machte er darauf aufmerksam, dass seiner Meinung nach die drei Jahresarbeiten einen stärkenden und stabilisierenden Einfluss auf die verwaltungsmäßigen Schulleitungsorgane gehabt haben. Er stellte die Beobachtung zur Verfügung, dass zukunftsträchtige Formen besser innerhalb des Schulganzen gefunden werden können, wenn neben dem Problemteil auch ein auffrischender, belebender Aspekt ausreichenden Raum finden kann.

 

Fazit: Jeder durfte kostbare Erfahrungen sammeln. Neben dem persönlichen Bereich ergaben sich genauso wichtige Aspekte von allgemeiner, übergeordneter Art, die zu einer Nachahmung von anderen Lehrerkollegen förmlich aufzurufen scheinen. Niemand kann dadurch etwas verlieren, die Schule aber sehr viel gewinnen

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