Das Schimmelprojekt

Ein Beitrag von Susan Geiger (Mutter aus der Waldorfschule Emmendingen)

„Mama, wir machen in der Fünften ein Forschungsprojekt!“

Mit dieser aufregenden Neuigkeit kam mein Sohn irgendwann gegen Ende der vierten Klasse nach Hause. Meine Reaktion: „Ein Projekt, super! Was für ein Projekt? Zu welchem Thema?“ Die Antwort: „Das darf ich selbst entscheiden ... und – ich habe keine Ahnung!“

Auf dem kurz darauffolgenden Elternabend erfuhr ich, was man sich unter einem Forschungsprojekt konkret vorstellen darf: Ein Forschungsprojekt ist kein Referat, es besteht nicht darin, etwas in Büchern zu recherchieren und das Gelesene wiederzugeben. Bei einer Forschungsarbeit geht es darum, mit der Herangehensweise des Naturwissenschaftlers einer wissenschaftlichen Fragestellung mit den Mitteln gezielter Beobachtung und schlussfolgernden Denkens auf den Grund zu gehen.

Es gilt, Hypothesen zu Phänomenen, die uns tagtäglich begegnen, aufzustellen und deren Richtigkeit selbst zu überprüfen – hohe Ziele für eine fünfte Klasse.

Inspiriert durch die Fußball-WM war die erste Idee meines Sohnes, das Phänomen des Flagge Zeigens zu erforschen. „Warum schmücken manche Menschen in Zeiten sportlicher Großereignisse ihr Auto mit Fähnchen in Deutschlandfarben, andere aber nicht? Seine Idee war es, zu diesem (zugegebenermaßen nicht uninteressanten) Rätsel eine Umfrage auf dem Parkplatz vor unserem Haus durchzuführen. Doch ein soziologisches Forschungsprojekt dieses Typs sprengt dann vielleicht doch den Horizont eines Zehnjährigen.

Irgendwann nach Halloween sprang uns Levis Forschungsprojekt dann förmlich an. Unser ausgehöhlter Kürbis schimmelte fröhlich vor sich hin – man konnte stündlich Veränderungen daran feststellen, die Levi mit seiner neuen Kamera, in der Absicht einen Zeitrafferfilm daraus zu machen, festhielt. Und plötzlich tauchte sie wie aus dem Nichts auf. Die Frage aller Fragen: „Mama, warum schimmeln Dinge eigentlich?“ Gute Frage, sehr gute Frage: Warum schimmelt das Brot in unserem Brotkasten, der Frischkäse in unserem Kühlschrank, die Mandarinen in unserer Obstschale? Levi wollte es wissen – und ich auch.

Das Forschungsdesign stand schnell: Ein Brot musste gebacken werden – und zwar ohne die geringste Spur von Konservierungsstoffen. Dieses trat dann im großen Schimmelcontest gegen ein gekauftes Toastbrot an. Einen weiteren Wettstreit lieferten sich eine Mandarine und ein Apfel. In Scheiben geschnitten, durften Toastbrote und selbst gebackene Brote in Plastiktüten, Papiertüten, offen (bei Raumtemperatur) und in einer Tupperdose (im Kühlschrank) fröhlich vor sich hinschimmeln. Jeden dritten Tag packte Levi die Brote aus und fotografierte sie. Die Schimmelstellen wurden mit dem Lineal vermessen und in Farbe und Wuchs akribisch beschrieben. Das Ganze wurde in einer Forschungsmappe in Wort und Bild dokumentiert. Seine Beobachtungen: Offenes Brot vertrocknet, und im Kühlschrank hält alles länger. Schimmel scheint Feuchtigkeit und Wärme zu mögen. Wer vermeiden will, dass sein Brot schimmelt, der sollte es nicht in Plastiktüten lagern.

Ein Apfel

Schimmel wird wunderbar samtig/flauschig. Aber irgendwann, wenn man den Brotkasten öffnet und dabei nicht die Luft anhält, macht man sich sorgen, einen könnte der Fluch der Pharaonen ereilen. Die zeitgleich stattfindende Epoche zum alten Ägypten hat uns nämlich gelehrt, dass es einen Schimmelpilz namens Aspergillus Flavus gibt, ein aggressiver Typ, der anscheinend besonders in Grabkammern gut gedeiht und im Lauf der vergangenen Jahrhunderte nicht wenige immunschwache Forscher das Leben gekostet hatte.

Wir lieben die Waldorfschule – ehrlich –, aber so weit geht die Liebe dann doch nicht, dass man für ein Fünftklassprojekt das Leben einer ganzen Familie riskiert. Und so habe ich nach acht Wochen mit schimmelnden Broten und Früchten im Keller, in der Küche auf dem Fensterbrett, im Kühlschrank, in der Obstschale und im Brotkasten darauf bestanden, dass sich Levi von seinen Schimmelobjekten trennt. Wir haben alle viel gelernt. Mein Sohn erforschte die Natur des Schimmels und ich, wie ein Zehnjähriger in einer Art und Weise beobachten, analytisch denken und schlussfolgern lernt, wie ich es zuvor kaum für möglich gehalten hätte.

Im Anschluss an diese Erkenntnisse mussten wir uns von einer unserer Tupperdosen trennen und unser Brotkasten bedurfte einer sehr gründlichen Reinigung. Aber: Haben nicht alle großen Forscher im Dienste der Wissenschaft Opfer erbracht? Eine Tupperdose scheint hier ein vergleichsweise kleiner Preis für die gewonnenen Erkenntnisse zu sein!
 

Hier einige Beispielbilder von Levi

Toastbrot in einer Plastiktüte

 

Vollkornbrot in einer Papiertüte

Kommentar
17.04.2018 | Gisela Dauner | Klassenlehrerin i. R.
Prima Aufgabenstellung; geniales Projekt und Durchführung; wunderhübscher Bericht und Dokumentation; vielen Dank dafür!
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