Jedem Kind sein Instrument

Ein Musikprojekt macht Schule...

 Im Schuljahr 2001/2002 begannen 56 Schülerinnen und Schüler der 2. Klassen der Rudolf Steiner Schule Bochum das erste Mal das Instrument ihrer Wahl im Rahmen des Musikprojekts „Jedem Kind sein Instrument" zu erlernen. Es war die Zeit, in der Politiker wie Pädagogen nach „Jedem Kind seinen Computer" und das möglichst schon im Kindergarten riefen.

 

Mirjam Schieren (Instrumentallehrerin) entwickelte zusammen mit Dr. Christian Kröner (Lehrer für Mathematik/Physik an der Rudolf Steiner Schule Bochum) das Konzept für ein Musikprojekt, das die Schule als idealen Ort ansieht, um die Ausübung von Instrumentalmusik integriert in den Schulalltag zu praktizieren:

 

  • Musizieren als selbstverständliches aber freiwilliges Lernfach in der Schule.
  • Jedes Kind bekommt die Möglichkeit ein Instrument zu erlernen - auch diejenigen aus „musikfremden" Elternhäusern.
  • Integration in den Rahmen des Schulunterrichts am Vormittag in den Räumen der Schule.
  • Jeder Schüler kann SEIN Instrument wählen. Betreuung der Instrumentenwahl durch Lehrer und Instrumentallehrer.
  • Günstiger Mietpreis und passende Größen
  • Instrumentalunterricht im Rahmen der Klassengemeinschaft.
  • Effektiver Instrumentalunterricht zwei Mal pro Woche.
  • Fahrten zur Musikschule entfallen.
  • Die Instrumentallehrer kommen zum Unterrichten in die Schule und arbeiten an einem gemeinsamen Konzept.
  • Möglichkeit zum gemeinsamen Musizieren in Gruppen von Anfang an.
  • Günstiger Unterrichtspreis durch Gruppenunterricht. Keine Anschaffungskosten für das Instrument, welches dann bald zu klein würde...
  • Vernetzung der musikalischen Tätigkeiten durch Zusammenarbeit mit Klassen- und Schulmusiklehrern.
  • Individuelle Vermittlung an Instrumentallehrer am Ende des Musikprojekts.
  • Fundament für das spätere Musizieren in Ensemble, Orchester, Band o.ä. als Bereicherung für die Schule.
  • Hilfe bei Problemen die beim Üben auftreten können
  • Konzeption für nachhaltiges Instrumentalmusizieren im Schulzusammenhang

Auf diese Weise kann, so die Initiatoren, manche Hürde für Familien abgebaut werden, die oftmals dazu führt, dass Kinder kein Instrument erlernen.

 

Das Musikprojekt in der 2. und 3. Klasse der Waldorfschule - Basisarbeit

Lisa aus der 2. Klasse kommt die Treppe hinaufgestürzt. Sie ist fast immer die erste: „Wo ist meine Geige?!" Noch ganz außer Atem wird das richtige Instrument gesucht. „Du, hör ´mal was ich schon spielen kann!" Sie spielt etwas. „Hast du gemerkt, was mit meinem Ton los war?" Eine Saite war heruntergerutscht. „Ja, die habe ich gestimmt", sagt die Lehrerin.

Inzwischen sind auch Dirk und Ameli gekommen. Jetzt fehlt nur noch Tobias. Er hat unterwegs bestimmt noch jemanden gefunden, mit dem er seine Kräfte messen musste...

An zwei Tagen in der Woche dürfen die Kinder der zweiten und dritten Klassen der Rudolf-Steiner-Schule in Bochum am Schulvormittag das Instrument ihrer Wahl erlernen: Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass, Querflöte, Klarinette, Trompete und Posaune. Die Instrumente konnten durch Stiftungsmittel für die Schulen angeschafft werden. Für zwei Jahre bekommen die Kinder während der Schulzeit in kleinen Gruppen von 3-4 Kindern von Instrumentalpädagogen, die dafür in die Schule kommen, Instrumentalunterricht. Der Unterricht wird durch Elternbeiträge finanziert, die Teilnahme ist grundsätzlich freiwillig.

Seit 2003 haben auch die Schülerinnen und Schüler der Rudolf-Steiner-Schule Dortmund die Möglichkeit, im Rahmen des Musikprojekts ein Instrument zu erlernen. Jedes Jahr nehmen an den Schulen jeweils 70-120 Kinder der 2. und 3. Klassen am Musikprojekt teil.

Die musikalische und didaktische Umsetzung des Projekts wurde in Zusammenarbeit mit Instrumentallehrern entwickelt. Besonders Hilfreich war es dabei, dass eine Kollegin in Bochum ihre Erfahrungen aus dem Musikunterricht an der Waldorfschule mit einbringen konnte. Da sie auch als Instrumentallehrerin im Musikprojekt tätig ist, konnte sie gleich von Anfang an für das Projektkollegium das Bindeglied zur Schule sein (Konferenzen, Termine, Stundenplan u.ä.).

Ameli und Dirk stellen sich mit ihren Geigen zu den anderen Schülern. Jeder fiedelt ein wenig herum. Die Lehrerin geht von einem zum anderen, um zu helfen oder zuzuhören. Inzwischen trauen sich alle Kinder auch alleine etwas vorzuspielen. Tobias kommt mit geröteten Wangen. Nun kann der Unterricht beginnen. Es wird ein Begrüßungslied gespielt. Danach beginnt eine sich immer etwas variierende Geschichte, die zur Festigung bestimmter Spieltechniken immer zu Beginn einer Stunde „vertont" wird. Ausführlich wird immer nur die Anleitung für eine neue Übung gegeben. Später reicht es, an das Bild, das dadurch entstanden ist, zu erinnern.

Eine Katze schläft im Stall auf dem Bauernhof. Es regnet: alle Kinder klopfen mit den Fingern auf den Korpus der Geige, stärkt die Fingerkraft und fördert die Koordination. Dann machen alle mit ihrem Bogen eine Scheibenwischerbewegung (stärkt den rechten kleinen Finger für eine gute Bogenhaltung). Nun schauen sie durch das Fenster. Ist die Katze wach? Ja, und sie miaut. Lisa sagt: „Schau mal, ich kanns schon!" Sie rutscht mit dem Mittelfinger der linken Hand ein Stück von oben auf dem Griffbrett die Saite herunter (erste Lagenwechselübung). Und wirklich. Es klingt wie „miau". Tobias spielt auf der tiefsten Saite: „Das klingt wie die Vaterkatze!" Daraufhin wird es auf allen Saiten ausprobiert.

Die Schülerinnen und Schüler haben beim Instrumentenkarussell am Ende des ersten Schuljahres erst einmal alle Instrumente ausprobiert. An zwei Tagen durften alle Kinder während des Hauptunterrichts in Gruppen von 3-4 Kindern jeweils an einem Tag alle Streichinstrumente und an einem Tag alle Blasinstrumente ausprobieren. Sie sollten zunächst schauen, ob sie eher „streichen" oder „blasen" wollen. Dabei ziehen sie von einem Raum zum nächsten und werden dort von den jeweiligen Instrumentallehrern betreut, die ihnen Kinderinstrumente zur Verfügung stellen. Der Instrumentalunterricht findet später auch mit nur drei oder vier Schülern statt und ist ein willkommener Kontrast zum Großgruppenunterricht der anderen Schulfächer.

Kinder können sich gegenseitig anregen und motivieren. Mit ihren oft sehr phantasievollen Einfällen helfen sie sich untereinander. Spielt ein Kind alleine und alle anderen hören zu, haben sie verschiedene Möglichkeiten für sich zu lernen. Beispiel: Dirk schaut sich noch einmal die Finger am Anfang des Liedes an, da er es immer wieder vergessen hat. Amelie kann, weil sie krank war das Lied noch nicht singen, darum singen die anderen Kinder kräftig mit. Tobias soll genau am Ende des Liedes, wenn Lisa fertig gespielt hat noch einmal von vorne spielen. So konzentriert er sich auf seinen Einsatz, anstatt auf das was draußen vor dem Fenster geschieht zu achten...

Die Akzeptanz bei Eltern und Schülern zeigen sich heute, beim inzwischen siebten Durchgang an der Rudolf-Steiner-Schule Bochum, indem nahezu 100% der 2.Klässler das Angebot des Musikprojekts nutzen.

 

 

Gemeinsames Musizieren von Anfang an

Im Gruppenunterricht wird von vornherein die Fähigkeit veranlagt mit anderen Kindern zusammen zu musizieren und sich gegenseitig zuzuhören. Überdies besteht die Möglichkeit vielseitige Methoden in der Gruppe anzuwenden. Die Kinder haben in der Gruppe die Gelegenheit voneinander zu lernen, so dass nicht immer der Lehrer die Lehrerfunktion einnehmen muss. Oftmals lernt auch er dadurch neu. Auf diese Weise motivieren sich die Kinder gegenseitig, auch gruppenübergreifend. Es können außerdem, da immer viele Gruppen gleichzeitig unterrichtet werden, spontane Besuche oder gemeinsame Proben gemacht werden. Das ist ein wichtiger Grundpfeiler für das Musikprojekt: die Motivation durch viele musizierende Kinder.

Gemeinsame Konzerte vor Weihnachten und im Frühling geben allen interessierten Zuhörern einen lebendigen Einblick in die Fortschritte der kleinen Musiker. Den Abschluss des Musikprojekts bildet das Abschlusskonzert am Ende der dritten Klasse. Dieses wird jedes Jahr mit einer anderen Idee gestaltet. So wurden bereits die Kinderoper Hänsel und Gretel und die musikalische Erzählung Die Kinder des Holzfällers aufgeführt. Volkstänze aus verschiedenen Ländern wurden getanzt und gespielt oder ein ganz klassisches Repertoire aufgeführt. Jedes Jahr bringt neue Impulse mit sich je nachdem, welche Kinder, Eltern und Lehrer sich engagieren.

 

Die Instrumentallehrer

Die jeweils etwa zwölf Instrumentallehrer treffen sich regelmäßig und arbeiten gemeinsam am Repertoire und an didaktischen Fragen. Dabei wird eine möglichst enge Zusammenarbeit mit den Klassenlehrern sowie den Musiklehrern der Schule angestrebt. Die enge Zusammenarbeit eröffnet allen Beteiligten immer wieder neue Gesichtspunkte, da jeder durch eigene Lehrer oder Fortbildungen anderes gelernt hat und eigene Erfahrungen, Fähigkeiten, Musikstücke oder „Tricks" für die Spieltechnik seines Instruments oder die Arbeit mit Gruppen mitbringt. Dieses kooperative Zusammenarbeiten ist eine der wichtigsten und motivierendsten Faktoren, die dem Musikprojekt zu Grunde liegen. Die Zusammenarbeit ermöglicht aber eben auch, dass die Qualität für das Musikprojekt immer wieder verbessert wird, da auch viele praktische Dinge über die anderen Instrumente dazugelernt werden, welches wiederum für die Leitung von größeren gemischten Gruppen von großem Vorteil ist.

Die Kinder im Projekt kennen in der Regel alle Instrumentallehrer, da auch bei den gemeinsamen Proben für die Konzerte und bei den Konzerten selber möglichst alle Instrumentallehrer dabei sind. Im Krankheitsfall werden die Kinder von anderen Instrumentallehrern aus dem Musikprojekt unterrichtet. Auf diese Weise fallen keine Stunden aus. In einer solchen vertrauten Atmosphäre kann dann musikalisch Erstaunliches geleistet werden.

 

Was nach dem Projekt kommt

Das beschriebene Projekt endet mit dem dritten Schuljahr. Während der letzten Monate wird den Schülern und Eltern Hilfe von den Instrumentallehrern angeboten, damit überlegt werden kann, wie es nach dem Musikprojekt weitergehen kann. Es sind Fragen nach der Unterrichtsform zu klären: Einzel- oder weiter Gruppenunterricht? Hat der Musikprojektlehrer noch Plätze frei? Soll es ein Kollege sein, damit das Kind in den Räumen der Schule bleiben kann, wenn es demnächst nach der Schule unterricht bekommt? Ist der Weg in die Musikschule eine bessere Lösung? Gibt es dort überhaupt einen Platz ohne lange Wartezeiten? Bleibt das Kind bei dem Instrument? Woher kann ein Instrument geliehen, gekauft oder in einem günstigen Mietkauf erworben werden?

Neben dem Individualunterricht ist das gemeinsame Musizieren in einer passenden Gruppe ein wichtiger Motivationsfaktor. Wofür sollte sonst geübt werden? Auch können im gemeinsamen Spiel Fähigkeiten erübt werden, die im Einzelunterricht nicht zum Tragen kommen. An der Rudolf-Steiner-Schule Bochum hat es sich bewährt, in der vierten Klasse in Ensembles - also nicht zu großen Gruppen - zunächst das einfache mehrstimmige Zusammenspiel zu üben. Dabei werden die Instrumentengruppen nach Möglichkeit getrennt: Streich-, Holzbläser-, Blechbläser-, Gitarren- und Blockflötenensembles. Bei Konzerten können die Gruppen je nach Programm wieder gemeinsam auftreten. Kinder die kein Instrument spielen wollen, finden manchmal in einer Rhythmusgruppe, im Chor oder in der Blockflötengruppe ihren Zugang zur Musik. Durch die Trennung der Instrumente werden die Kinder nicht vom gemischten Klangvolumen überfordert in einer Zeit, in der das mehrstimmige Spiel zunächst noch erlernt werden muss und nicht gut neun Trompeten neben zwölf Geigen, sechs Celli und zehn Flöten im Klassenorchester passen. Diese Ensembles ersetzen dort die Klassenorchester, da viele Kinder ein Instrument spielen, was die Lautstärke überstrapazieren würde.

Die Ensembles werden, wie sonst die Klassenorchester, von der Schule angeboten und sind somit ein Pflichtfach für alle Schülerinnen und Schüler. Ebenso ist es für die fünfte und sechste Klasse, die wie auch die siebte und achte Klasse klassenübergreifend gemeinsame Orchesterproben haben. Dies kann nach Instrumentengruppen getrennt oder für gezielte Projekte auch gemischt sein. Natürlich können sich ebenso eine Band, ein Zirkusorchester oder andere Formationen bilden, je nachdem, welche Instrumente und Schüler gerade aktiv sind oder welche Musiker Kapazitäten frei haben.

Wenn nur ein Teil der Kinder, die in der zweiten Klasse beginnen ihr Instrument zu erlernen dabei bleibt, so kann bis zur Oberstufe eine bunte musikalische Landschaft erwartet werden. „Ich spiele mit den Schülerinnen und Schülern der vierten Klasse die im Musikprojekt waren Stücke, die ich sonst mit der sechsten Klasse erarbeitet habe." Sagt eine Musiklehrerin der Rudolf-Steiner-Schule Bochum. „Sie sind es von vornherein gewohnt, gemeinsam zu musizieren."

 

Wissenschaftliche Begleitstudie

Das Musikprojekt an der Dortmunder Waldorfschule wird seit dem Jahr 2003 in einer Längsschnittuntersuchung unter der Leitung von Prof. Dr. Charlotte Heinritz (Institut für empirische Sozialforschung des Fachbereichs für Bildungswissenschaften der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn) wissenschaftlich begleitet. Dabei wurden die beteiligten Schüler, Eltern und Pädagogen zu ihren Erfahrungen mit dem Musikprojekt befragt, die Bedeutung des Instrumentalunterrichts für die einzelnen und für die Schulgemeinschaft untersucht und die einzelnen Elemente des Musikprojektes analysiert. Die Ergebnisse der Studie erscheinen voraussichtlich Ende des Jahres.

Kommentar
Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
Ihr Kommentar