Die Geburt des Tänzers

Ein Beitrag von Gerhard Hallen

Zu Beginn meiner Klassenlehrertätigkeit sah ich in der musikalischen Betätigung die größte persönliche Herausforderung. 30 Jahre zuvor hatte ich meine Blockflöte nach zahllosen vergeblichen Bemühungen in die Ecke gepfeffert und nie wieder angerührt. Auch waren meine Sangeskünste ausgesprochen bescheiden. Zum Leidwesen meiner lieben Frau war und bin ich überdies ein ausgesprochen unbegabter Tänzer.

Wenn der Kopf begriffen hat, welche Bewegungen die Füße ausführen sollten, ist die Musik schon vorausgeeilt, so dass ich den Tanzpartnerinnen unweigerlich auf die Füße trete – selbst bei guter Führung ...

Im Unterricht versuchte ich diese Defizite durch zeichnerische Aktivitäten und lustige Sprüche zu kaschieren. Das imponierte den Kindern durchaus, aber sie ließen sich nicht täuschen.

„Herr Hallen! Wann singen wir denn mal was?“ „Herr Hallen! Spielst du auch ein Instrument?“

Das fragten die Erstklässler/innen allein schon deswegen, weil es ihnen von den Eltern und Geschwistern so angekündigt worden war. Meine Frau bekam das mit und versuchte, mich zu ermutigen: „Du meisterst in der Sprache den Rhythmus. Warum kannst du denn nicht singen?“  „Nun ja“, erwiderte ich. „Ich vergesse entweder den Text oder die Melodie, und nach Noten kann ich nicht singen.“ „Mh – dann mach doch die Lieder selber…“ „Traust du mir das zu?“ „Klar doch…“

Es sind also nicht nur die Schüler, die jemanden brauchen, der an sie glaubt, ich brauchte wohl auch diesen Anstoß. Wenig später lief ich im Flur auf und ab und summte dabei. Fünf Minuten später griff ich nach der pentatonischen Choroi-Flöte unserer jüngeren Tochter und spielte mein erstes Lied. Dabei bemerkte ich, dass das, was ich bei Edmund Pracht gelesen hatte, durchaus stimmte: „Die Melodienfolgen waren nie ‚falsch‘. – Es klang alles plausibel, teilweise angenehm.“

Ich kramte meine stark eingerosteten Fertigkeiten im Notenschreiben aus der „Vergessenskiste“ und fixierte die Tonfolge auf Papier. Dazu verfasste ich einen Text, der von Michael Bauers sinnigen Geschichten inspiriert war. Und schon war das erste Lied fertig:

 

 

Ich stellte es meiner Familie vor. Die Damen fragten mich, in welchem Buch dieses Lied zu finden sei. Sie hätten es noch nie gehört. „Ich auch nicht“, bemerkte ich, „es ist von mir“, daraufhin bemerkte meine Frau: „Geht doch…“ „Nun gut“, meinte unsere älteste Tochter. „Welche Gesten machst du dazu?“ „Schön, dass wir mal darüber sprechen“, stellte ich fest und schaute ratlos in die Runde. „Sing es noch mal“, bat mich unsere Jüngste, „ich mach dazu die Gesten.“

Was sie mir präsentierte, war perfekt. Deshalb fragte ich sie: „Willst du mich morgen früh in den Unterricht begleiten und es den Kindern vormachen?“ „Das ist dein Job, Papa“, erwiderte sie. Und so verbrachte ich den Rest des Nachmittags mit dem Synchronisieren von Gesang und Gesten.

Am folgenden Morgen verkündete ich meiner Klasse: „Ich habe euch ein Lied mitgebracht.“ Ich wollte mich in die Hocke begeben und die Bewegungen des Baches ausführen. Da tat sich innerlich ein großes schwarzes Loch auf. Das hätte mir nichts ausgemacht, wenn nicht das schöne Lied da hineingefallen wäre. „Ich glaube, es ist mir entfallen“, gestand ich den Kindern. „Wo ist es denn reingefallen?“, fragte der kleine Michael, der alles ein wenig zu wörtlich nahm. „In ein riesiges Loch!“ „So was wie ein Brunnen?“, krähte der kleine Henning. Ich nickte. Klein-Lena lief zu einem imaginären Brunnen, und griff beherzt hinein. Wenig später barg sie etwas physisch nicht Sichtbares aus dem Brunnenschacht und überreichte es mir. „Ich hab’s für dich hochgeholt. Jetzt wollen wir es hören.“

Da war das Lied mit einem Male wieder da! Klein-Lena sei es gedankt. Während ich das Lied vorsang, sprangen einige Kinder auf und lasen mir Text und Melodie von den Lippen ab. Einige stiegen in die Gesten mit ein. „Noch einmal!“, riefen sie, als es zu Ende war. Ich musste es mehrere Male wiederholen. Die Kinder wussten gleich, dass es ein Lied für sie war, und sie verlangten noch mehr davon. In den nächsten Tagen präsentierte ich weitere Strophen, eine Woche später ein neues Lied.

Von Mal zu Mal fiel es mir leichter, das Gewünschte zu produzieren. Seitdem veränderte sich mein Sprachgestus. Vorher hatte ich vom Kopf aus in die Gliedmaßen hineingesprochen – wie ein Bildhauer. Durch die Aufnahme des Musikalischen in mein Wesen wurde ich für die Schüler/innen zum Tänzer. Meine Bewegungen waren von den Gliedmaßen zum Kopf hin impulsiert. Das verlor sich aber sofort, wenn ich mit Erwachsenen zu tun hatte – sei es in der Konferenz oder auch im Privaten.

Nun ist solch eine Verwandlung ‚nicht zwingend‘ mit der Hervorbringung hochrangiger künstlerischer Erzeugnisse verbunden. Man erntet außerhalb der Schule für seine Produkte höchstens mal ein mitleidiges Lächeln. Das spielt aber keine Rolle. Entscheidend ist die Bemühung des Pädagogen, sich mit den Kinderseelen zu verbinden und aus dieser Verbindung heraus kreativ zu werden.

So hat man selbst im dritten Klassenzug noch nicht ausgelernt. Immer wieder müssen neue Lieder, Gedichte, Spiele und Geschichten ersonnen werden, um die Kinderseelen anzusprechen. Der Unterricht könnte perfekt, die Kinder könnten hinreichend belehrt sein, ohne das eigene Bemühen wäre alles wertlos. Nur was aus der unmittelbaren Begegnung hervorgeht, für die Kinder durchlebt oder auch geschaffen ist, wirkt auf sie. Alles andere ist ‚tönend Erz oder leer gedroschenes Stroh‘…

 

Pracht, E.: Die Entwicklung des Musikerlebens in der Kindheit, in: Heilende Erziehung, S. 276-299. Hier werden, die wesentlichen Grundzüge der musikalischen Wirkungszusammenhänge und deren menschenkundliche Grundlagen dargestellt. Bemerkenswert ist auch der kurze Abriss über die Einführung der Leier in den Waldorfkindergärten und in den Musikunterricht an Waldorfschulen.